IV

Als er wieder zu sich kam, Schwindel, Sprache und Denken sich endlich aus ihrem Netz lösten und schließlich in Apathie aufgingen, merkte Sven, dass er vor seiner Haustür stand und im Kreis lief. Unsinnig darüber nachzudenken, wie lange er sich so, beobachtet von einigen missmutigen Hühnern auf der anderen Straßenseite, um seine eigene Achse bewegt hatte. War er schon laufen oder war es nur die Idee des Laufs, die die Hormone überschwänglich in seinen Körper gepumpt hatte und ihn das Bild eines perfekten Waldes phantasieren ließ. Sven blickte an sich hinab. Seine Schuhe und Kleidung waren von einer dunkelbraunen Schlammschicht überzogen. Allerdings, dachte Sven, sind das nicht meine Laufschuhe und überhaupt überlegte er, warum besteht meine Laufkleidung aus Jeans und Lederjacke. Verwirrt und lachend schloss Sven die Tür auf, riss sich seine Klamotten vom Leib und lief nackt durch die Wohnung. Schweiß rann warm und prickelnd an seinem Rücken hinab und als er sich für einen Moment auf sein Sofa setzte, freute er sich auf den nassen Abdruck den er auf dem Polster hinterlassen würde. Er saß und lauschte seinem Herzschlag. Laut und wild und schnell aber auch beruhigend, dachte er. Gut wenn man sein Herz hört. Dann weiß man das man noch lebt. Er dachte daran, dass sich manchmal, wenn er nachts aufstand und aufs Klo ging, sein Körper seltsam unwirklich anfühlte. Wie der Körper eines fremden, überlegte er, der Geist funktioniert und motorisch gibt es auch keine Probleme aber die Hände und Beine und auch der Kopf fühlen einfach nichts, sind einfach nur da und erledigen ihre Arbeit pflichtbewusst und der Verstand nimmt das alles nur wahr. Kennt gewissermaßen die Befehle aber erhält wenn man es so will keine Antwort. Ich sehe mir selber dabei zu wie ich mich bewege, wie ich von der Toilette aufstehe, wie ich abschüttele, Hose hochziehe, Hände wasche und bin erstaunt, dass ich mich bewege. Oder das sich jemand bewegt, wenn ich denke er sollte sich bewegen, auch wenn ich nicht wirklich Teil der Bewegung bin. Natürlich, überlegte Sven dann, gibt es dafür unzählige Erklärungen. Der Verstand oder Körper, oder das Nervensystem oder irgendwas, ist halt noch nicht richtig wach, also schon funktionsfähig aber nicht vollständig oder vielleicht schon aber irgendetwas ist eben noch nicht so ganz richtig verknüpft. Oder nicht mehr, je nachdem, wie lange man davor geschlafen hat. Aber meist kommt, dass immer nach dem Tiefschlaf, dieses Gefühl. Wenn man abrupt erwacht und Körper und Geist keine Vorbereitungszeit haben und dann doch so ganz plötzlich auf sich angewiesen sind. Also, versuchte Sven nun endlich etwas Klarheit zu schaffen, natürlich macht das Sinn, aber gerade dieser Sinn macht mir Angst. Wenn es Raum für Zweifel und Unklarheit gäbe, würde ich mich besser fühlen, dachte Sven, die Gewissheit vernichtet die Hoffnung und die Ungewissheit bietet eine Chance. Sven war mittlerweile aufgestanden und hatte sich in Richtung Badezimmer bewegt. In der Wohnung war es warm und er fühlte eine angenehme Erschöpfung und gelassene Euphorie. Er war nicht mehr weit von der Tür entfernt, als sich diese plötzlich öffnete und Peter nackt vor ihm stand. Sein Bauch strahlte rot und groß wie ein Planet und aus seinem Bauchnabel sprossen unbändig die Haare in alle Richtungen. Er sah aus wie ein verwahrloster Bär der langsam sein Fell verliert und von seinen Artgenossen gemieden wird. In seiner rechten Hand hielt er die leere Schokomilch. Sven war gleichermaßen erschrocken und schockiert, fühlte aber auch Mitgefühl mit sich selbst und tiefe Trauer. „Ver….“, setzte er an, brach dann aber erschöpft ab. So war es schließlich Peter, der Sven freudig begrüßte: „Ach Mensch Sven, hab mich schon gefragt, wo du eigentlich bist. Naja macht ja nichts. Bist ja auch nackt.“ Peter musterte Sven argwöhnisch „na Mensch, dass ist ja das erste mal, das wir uns so sehen. Hätte aber schon gedacht, dass du mehr hast.“ Sven der sich auf einmal sehr müde fühlte, wollte Einwände erheben: „Peter, das muss doch nicht sein. Weißt du, so Männerkörper. Das ist doch ekelig.“ Peter jedoch ließ sich nicht beirren „Ach Sven, du kleinbürgerlicher Wicht, schwul ist scheiße, Sex zur Fortpflanzung, du arbeitsloser Spießer! Du weißt doch was die Leute über uns sagen. Es gibt keinen Ruf mehr zu verlieren!“ Sven fragte sich ob Peter in seinem Kopf wohnte und jeden seiner Gedanken notierte. Oder vielleicht teilen wir uns zeitweise einen Kopf und darum fühle ich mich manchmal auch nicht wie ich selbst, sondern beobachte nur Peter wie er meine Gedanken und dann Bewegungen ausführt, ohne dass ich die Kontrolle habe. Vielleicht ist das seine Art und Weise vorzugeben, dass er nicht da ist, und dabei ist er doch immer da oder zumindest meistens und weiß alles was ich weiß und dann auch noch das was Peter weiß und ich nicht weiß. Sven wurde wieder schwindelig und nur der Anblick der Schockomilch und die aufkeimende Wut hieten ihn auf den Beinen.

III

“Ich beobachtete das Schauspiel schon seit geraumer Zeit mit regem Interesse. Von einer Kakerlake kann wohl kaum die Rede sein. Nicht zu dieser Jahreszeit, ja nicht mal auf diesem Breitengrad. Das Insekt, das auf deinem Augapfel Platz nahm und dir Kopfzerbrechen bereitete, war maximal in der Kategorie eines gewöhnlichen schwarzen Käfers anzusiedeln, vielleicht aber auch nur eine Kellerassel.” Sven wollte scherzhaft einwerfen, dass sie sich beide ja gar nicht in einem Keller aufhielten, steckte aber zurück, um den in dieser Situation und auch für Peter eher ungewöhnlichen, aber fesselnden Vortrag, weiterzuverfolgen. “Ein Vogel pickt nicht einfach so nach einem Käfer oder einer Assel. Er bevorzugt Gewürm, saftige Körner, allerlei Geschnetz und lässt sich überdies nicht auf unvorsichtige Nähe mit Menschen ein. Oder meinst du, er fühlte den Rausch in uns und sich darum sicher? Oder war er gar den Umgang mit Menschen gewohnt? Das glaube ich nicht. Nein, ich kann es nicht glauben. Sven, dieser Vorfall riecht verdächtig. Es ist besser, wenn wir jetzt nach Hause gehen und uns ausruhen, bevor noch etwas Schlimmes passiert. Komm, wir gehen!”

Sven erwachte am frühen Nachmittag mit dickem Schädel in seinem Bett. “Was war das denn bitte?”, musste er laut denken und seine Beine zuckten in Erregung. Und dieser Abschluss – Wie kann man nach einer solchen Nacht noch so geistesgegenwärtig sein, fragte er und ließ sich Peters Plädoyer nochmal durch den Kopf gehen.
Er stapfte zum Kühlschrank und erblickte freudig die Schokomilch, aber Zweifel schossen sofort durch seinen Kopf – Ach, ich wollte doch heute noch laufen gehen – und beruhigte seinen Geist mit der Aussicht, sich die Milch nach dem Lauf zu gönnen. Zum Frühstück gab es also Toast und Wasser. Letzteres hätte ich vor dem Schlafengehen trinken sollen. Er fühlte sich ausgetrocknet und sein Magen war flau. Seine innere Stimme versuchte ihm das Laufen auszureden, aber er wusste dem Schweinehund ein Schnippchen zu schlagen.

So machte er sich wenig später tatsächlich auf die Socken. Wofür eigentlich, mag der geneigte Leser an dieser Stelle denken. Nun, Sven trainierte kontinuierlich für einen einzigen Laufwettkampf im Jahr, der immer zur Herbstzeit im Nachbarort stattfand und durch die bergige Landschaft seiner Heimat führte. Ein anspruchsvoller Lauf, der ein ordentliches Maß an körperlicher Fitness voraussetzt und für Anfänger fast unmachbar erscheint, aber dennoch nicht so lang, dass er sich trainingstechnisch übernehmen musste. Man könnte sagen, dass dieser Lauf die einzige Konstante in Svens Leben war.

Keuchend ging er zu Werke, die anfängliche Steigung machte ihm mehr als üblich zu schaffen. Sein Puls stieg sogleich in bedenkliche Höhen, fing sich kurz darauf wieder, und so lief er sich ein, fand seinen üblichen Rhythmus und verlor sich alsbald in sprudelnden Gedanken, so klar und wohlgeordnet, wie er sie nur mit sich allein im Wald auszumachen vermochte:

Wir sind jetzt sieben und in wenigen Jahren neun Milliarden Menschen auf diesem Planeten. Schwul sein ist eklig. Wenn zwei Frauen sich küssen oder lecken, geht das Ordnung; Schleckliesel, hihi. Unser aller Lebensstil ist aus den Fugen geraten. Wir müssen zurückschrauben. Wie kann man seinen Schwanz nur in den Arsch… von nem Typen…? Bei ner Frau ist das okay. Wenn wir alle nach dem Prinzip ‘Lebe jeden Tag so, als wäre es dein letzter’ leben würden, können wir ja auf alles, was nach uns kommt, pfeifen. Zu einem erfüllten Leben gehört die Fortpflanzung, die Vereinigung von Mann und Frau, Familie. Zu viel Zucker macht krank. Die Pharma- und die Lebensmittelindustrie arbeiten zusammen, um uns krank zu machen. Die Medien unterstützen dies. Boah, wenn sich zwei Kerle öffentlich küssen, könnt’ ich kotzen. Aber die können ja trotzdem nett sein. Durch Analsex kann kein neues Leben entstehen. Ist er dann sinnlos oder hilfreich? Übermäßiger Zuckerkonsum kann zu Diabetes II führen und impotent machen. Fluch oder Segen? Während sich die Menschen in den Entwicklungsländern vermehren wie die Karnickel, sieht man in vielen Industrieländern rückläufige Tendenzen. Ist das Evolution oder gewollt? Die tödlichste Waffe des Menschen ist die Sprache. Sprache ist in meinem Kopf und ich kann sie nicht ausschalten. Wenn alle dieselbe Sprache sprächen, oh Gott, wie furchtbar. Oder nicht? Durch Missverständnisse in der Sprache entstehen Konflikte. Durch Ressourceninteressen weiten diese sich aus zu Kriegen. Die Medien sagen etwas anderes. Zucker bleibt billig und ist überall drin. Die Gedanken sind frei, Sexualität auch. Was auf mein Land zutrifft, trifft nicht zwingend auf ein anderes Land zu. Wir drehen uns im Kreis. Ich drehe mich im Kreis und mir ist schwindelig. Und Jesus sagt: “Eure Rede aber sei: Ja, ja — nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.”

II

Die winzigen Füße kitzelten auf der Haut und kämpften sich ihren Weg durch das flaumige und unregelmäßig verteilte Haar, das wild und traurig mehr zu sein vorgab als es eigentlich war. Verzweifelt suchten die schwarzen und zuckenden Augen nach der vertrauten Schwere des erdigen, von Gras bedeckten Bodens, der Schutz bot vor den panischen und hasserfüllten Blicken und auf dem das Vibrieren und der Hauch des Windes vor nahender Gefahr kündeten. Doch der Untergrund über den sich der fast schwarze Körper in verzweifelter Hast bewegte, war in ständiger Bewegung und ständig war die Gefahr und ständig war ein pfeifender und donnernder Sturm. Rastlos arbeiteten die Gefäße und produzierten das Adrenalin und rastlos pumpten sie das Blut, das den für seine Größe erstaunlich leichten Körper über die fleischigen Hügel und Täler bewegte, bis ein Beben schließlich die lebendige Ebene erschütterte und der Schock alle Bewegung lähmte. Unter dem Körper hatte sich eine tiefe Spalte aufgetan, in der von schleimigen Wasser bedeckt, eine strahlend blaue und in der Mitte schwarze Kugel lag, deren Ränder weiß und von unzähligen blutig-roten Linien durchzogen waren. Es war ein magischer Anblick, der mystische und religiöse Assoziationen gebar und so verharrte der kleine und glatte Körper im Angesicht der Größe dieses Augenblicks und im Angesicht der Größe der Verzweiflung.

Sven erwachte und sah wenig mehr als einige brennende Lichtstrahlen, die durch die Blätter eines Baumes schienen und deren Helligkeit an den Rändern seiner Augen schmerzten. Das Zentrum seines Gesichtsfeldes war Schwärze und für einen Moment war er erleichtert, dass die Kraft des Lichtes durch einen dunklen Fleck verdeckt wurde. Doch als sich die schwarze Fläche auch nach einigen Augenblicken nicht verkleinert oder zumindest bewegte, kam die Angst. Zitternd versuchte er sich die Ereignisse der letzten Nacht ins Gedächtnis zu rufen und überlegte, ob er gestürzt war oder geschlagen wurde. Undeutlich erinnerte er sich an die Disco, die Toilette und einen Schlag und er fühlte wie sich seine Adern, Arterien und Venen zusammenzogen und das Blut mit übermütiger Geschwindigkeit in alle Körperteile gepumpt wurde. Sven fragte sich ob er nun auf einem Auge blind war und wie das sein zukünftiges Leben beeinflussen würde. Schritt für Schritt ging er seinen normalen Tagesablauf durch und stellte erleichtert fest, dass er wohl auch mit einem Auge ganz gut leben könnte. Er fuhr kein Auto und sofern es das Laufen nicht sonderlich beeinflusste, sollte es keine größeren Probleme geben. Bleibt nur der Schmerz, überlegte Sven, Hauptsache der Schmerz bleibt mir verschont. Aber so lange mir nur jemand gegen den Kopf geschlagen hat und irgendetwas in Unordnung geraten ist, sollte es eigentlich gehen. Ich bin ein zweiäugiger Zyklop, dachte Sven. Ein zweiäugiger Zyklop, verloren in der Nacht, gestrandet auf einem Hügel, fernab von seinem Heim, auf einer Irrfahrt durch das Leben. Wenn man sich mutwillig verliert, ist es dann noch eine Irrfahrt oder eine Reise, überlegte er, als sich das Schwarz vor seinen Augen langsam erhob, bis es schließlich immer kleiner wurde und Sven erkannte, dass nicht der Schlag sondern eine Kakerlake ihn vorübergehend geblendet hatte. Fasziniert und leicht irritiert sah er der Küchenschabe nach, die langsam höher stieg und schließlich zehnt Meter von ihm entfernt wieder landete, als plötzlich ein Vogel vom Baum hinabschoß und die Kakerlake verschlang.

Die Situation ließ Sven schockiert zurück und erinnerte ihn an etwas, an das er sich nicht erinnern konnte. Mühsam zog er sich am Baum in eine sitzende Haltung empor und merkte erst jetzt, wie kalt es war und wie sehr er fror. Das Gras war noch vom morgendlich Reif bedeckt und die Sonne stand noch nicht sehr hoch. Er versuchte sich zu orientieren, doch erblickte er nur einen massigen Körper der mit hinter dem Kopf verschränkten Armen und lächelnd, neben ihm lag. Routinemäßig betastete er Peters Puls der in einem ruhigen Takt schlug. „Peter“, fragte Sven schließlich „seit wann können Kakerlaken eigentlich fliegen?“ Und als dieser eine ganze Weile nicht antwortete, fügte er hinzu „Peter, auch wenn ich keine Zyklop bin, vielleicht sollte ich mich auf eine Irrfahrt begeben.“

I

Weit kam unser schwergewichtiger Held jedoch nicht. Hechelnd sprang er nach ein paar Metern ins erstbeste Taxi und wies den eingedösten Fahrer an, gottverdammtnochmal aufs Gas zu treten. Und siehe da, nachdem dieser Folge geleistet und Peter sich im Verklingen der Stimmen und Verblassen der Lichter sicher wähnte, realisierten beide, dass sie sich schon bei der Hinfahrt begegnet waren. Sichtlich genervt vom Anblick des vormals furzenden Fahrgasts, sagte der Fahrer: “Ah, du wieder. Wo ist denn dein Freund?” und verkniff sich einen bissigen Kommentar. “Ja, komm!”, sagte Peter. “Der is früher nach Hause. Jetzt fahr erstmal, geht dich sowieso nichts an.”
“Weißt du, eins ist mir vorhin klar geworden.” Er blickte zu Peter, der ihn gekonnt ignorierte. “Ich hab’ keinen Bock mehr. Leute wie du und dein Freund, pöbelndes Gesocks, Typen, die mir das Auto zuscheißen und zukotzen; darauf hab’ ich einfach keinen Bock mehr.” Peter horchte auf. “Jetzt versteh mich nicht falsch, ich weiß schon, dass der Job das mit sich bringt und überhaupt sind die meisten Gäste wahrscheinlich so normal ganz in Ordnung, aber ich hab’ echt kein’ Bock mehr. Und dafür bin ich dir eigentlich sogar dankbar, also dir und deinem Freund. Ihr wart vorhin so das Zünglein an der Waage, der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Denn morgen ist Schluss. Ab morgen lass ich das Taxifahren sein und mach was anderes.”
Peter senkte enttäuscht den Kopf. Nach einem tiefen Seufzer, sagte er schließlich: “Ist das alles?” Der Taxifahrer zuckte mit den Schultern. “Was meinst du?”
“Ob das alles ist, was du mir zu sagen hast? Also außer diesem pathetischen Stuss von wegen ‘Ich schmeiß’ hin und mach’ morgen was anderes’-Gesabber. Ich wurde gerade in der abgefuckten Dorfdisse Zeuge einer Tragikomödie monumentalen Ausmaßes und jetzt kommst du mit deinem Midlife-Crisis-Scheiß. Ich dachte, du wärst mehr als das.”
Der Taxifahrer hielt abrupt an. “Wie meinst du das?”
“Du stehst wohl auf Wiederholungen, was? Ich sagte, ich dachte, du wärst mehr als das!”
Verblüfft starrte der Taxifahrer Peter an, als hätte dieser ihm die Existenzfrage gestellt. Peter öffnete indes die Tür und sagte beim Aussteigen nochmals mit sanfter Stimme: “Ich dachte wirklich, du wärst mehr als das.”

“Scheiße, wo bin ich denn jetzt hier gelandet?” Peter musste sich kurz orientieren. Er war am Ortseingang und hatte noch etwas Fußmarsch vor sich. Eine Abkürzung durch den Wald schien ihm angebracht. Der Morgen dämmerte bereits und eine rötlich-schwache Sonne stieg an der Himmelslinie empor. Peter atmete kalte, klare Luft, die ihn zum Besteigen eines Hügels beflügelte. Oben angekommen sah er einen Mann, der mitten auf der Wiese schlief. Es war Sven. Erleichtert ließ er sich neben ihm nieder und blickte auf das Dorf. Wenn Zeit etwas Menschengemachtes ist, wer bestimmt dann, dass sie vorwärts läuft? Mit diesem Gedanken schlief auch er ein.

VIII

Als Sven fluchtartig die Disco verlassen hatte, wieder und wieder über unsinnig den Weg versperrende Beine gestolpert, gefallen und wieder aufgesprungen war, hatte Peter stolz und triumphierend auf seinem Barhocker gesessen. Er hatte das absurde Schauspiel, das sich vor seinen Augen entfaltet hatte aus nächster Nähe verfolgt. Von seiner Loge aus hatte er innerlich dem Sieg der Romantik über die Schwärze der Apathie und Teilnahmslosigkeit applaudiert. An einem undenkbaren Ort zu einer undenkbaren Zeit hatte ein betrunkener Casanova der Rationalität und Stumpfsinnigkeit der Welt, schwankend den Krieg erklärt. Taumelnd hatte er sich einer debil grinsenden Ophelia genähert, ihr tief in die vom Alkohol glasigen Augen geschaut, ihr samten rotes Haar beiseite gestrichen und unbekannte Worte gegen den Bass und die Logik angeflüstert. Es folgte ein langer Blick. Verständnislos, abschätzig, verächtlich und schließlich hingebungsvoll. Ein Kuss und die alternativlose Flucht. Für einen Moment hatte Peter überlegt, ob er seinem Freund folgen sollte, doch in den Augen der Ophelia meinte er durch den Rauch seiner Zigarette den ersten Hauch des Wahnsinns zu erkennen und instinktiv hatte er gefühlt, dass diese Bühne keiner weiteren Mimen bedurfte und jede Unachtsamkeit den zarten Keim der Tollheit zerstören konnte, der in diesem Moment und in diesem Dorf zu keimen begann. Peter hatte stumm vor sich hingekichert und sich triumphierend ein weiteres Bier und einen weiteren Kurzen bestellt. Tief hatte er den Rauch seiner Zigarette eingesogen und ihn schließlich, als sich langsam verblassende Ringe in Richtung Paradies geblasen. Eine ganze Weile hatte er schweigend da gesessen und glücklich die letzten Züge seiner Zigarette und die letzten Züge der Nacht genossen. Dann war er aufgestanden, hatte sich geräuspert und sich schweigend einen Weg durch die tanzenden Menschen und in die Mitte des Raumes gekämpft. Unterschwellig lallend aber mit der Zeit immer sicherer werdend, hatte er begonnen zu sprechen:

„Die Pest tritt in die niedren Türen ein.
Vorm Kruzifix zergeißelt sich das Fleisch,
Blut netzt des neuen Gottes bleichen Fuß.

Kehr wieder, Gott. Kehr wieder aus dem Reich
Des grünen Waldes. Denn erfüllt ist nun
Des neuen Gottes kummervolles Reich.

Sie passen in die Königskleider nicht,
Die Zwerge, die wie kleine Affen hocken
Im Götterpurpur auf der Blitze Thron.

Kehr wieder Gott, dem Pentheus einst erlag.
Du Gott der Feste und der Jugendzeit.
Kehr wieder aus des Waldes grünem Reich.

Kehr wieder, Gott. Erlösung, rufen wir.
Erlöse uns vom Kreuz und Marterpfahl.
Tritt aus dem Walde. Finde uns bereit.

Wir wolln dir wieder Tempel bauen, Herr.
Wir wollen Feuer an die Kirchen legen,
Vergessen sei des Lebens ‘Traurigkeit.

Wir flehn zu dir in mancher stillen Nacht.
Wir sehen hoffend zu den Sternen auf.
Tritt aus den Sternen. Hör das Rufen, Herr.

Georg Heym“

Die Musik hatte einige Passagen übertönt und doch hatte sich die Menge schließlich zu ihm gedreht und ihn fassungslos angeschaut. Viele der ihn Umstehenden hatten nur ein monotones Rauschen in den Ohren, dass die Musik mit Peters vor Anspannung zitternder Stimme verschmelzen ließ. Und auch wenn niemand seine Worte verstanden hatte oder verstehen wollte, so war sich Peter doch der Bedeutung seiner Rede bewusst gewesen. Es war der Epilog einer langen Nacht.

Nachdem er sich verbeugte hatte, war er langsam und mit erhobenen Armen zu seinem Barhocker gegangen und hatte in genussvollen Zügen sein Bier geleert. Die Musik war verstummt und der Raum hatte ihn, wie ein tiefer Schlund schwarz und leer und verängstigend angestarrt. Für einen Moment hatte er die Augen geschlossen und die Stille genossen. Als er sie nach kurzer Zeit wieder geöffnet hatte, waren die Türsteher zusammengekommen, hatten sich versammelt um dem Wahnsinnigen zu überwältigen. Doch sie waren unschlüssig. Und so hatten sich plötzlich drei wütend blickende Jungen vor ihm aufgerichtet. Ihre Gesichter waren von Wut und Angst verzerrt und Peter hatte einen Moment lang nicht gewusst, ob sie ihn anlachten. Einer der drei hatte ihn angerempelt und ihm gegen die Schulter geschlagen.

„Du bist doch der Penner, der mit diesem dummen Wichser hier war, der meine Freundin angebaggert hat. Ihr Arschlöcher. Und dann so ne beschissene Aktion hier. Ihr Dreckstypen. Du fetter Wichser. Bis du Terrorist? Ich mach dich fertig du Wichser!“

Peter hatte ihn aus müden Augen angeschaut und seine Flüche ignoriert. Dann hatte er ruhig gesagt: „Mein junger Freund. Der Wahnsinn naht. Schau in die Augen deiner Freundin und du weißt, dass sie verloren ist. Wenn die schwitzenden Affen in deiner Badewanne sitzen, wirst du alles begreifen.“

Dann hatte er ihm mit der Faust ins Gesicht geschlagen, und war losgelaufen, auf der Flucht und auf der Suche nach seinem heroischen Freund.

VII

Mo las den Brief bereits zum dritten Mal. Er war vom Arbeitsamt.

“Sehr geehrter Herr Kieslowski,

da Sie zum wiederholten Mal Ihrer Meldepflicht beim Jobcenter nicht nachgekommen sind, sehen wir uns gezwungen, Ihr Arbeitslosengeld II mit sofortiger Wirkung um weitere 30% des Regelsatzes zu reduzieren.

Wir machen Sie weiterhin darauf aufmerksam, dass bei einem weiteren Verstoß gegen die Meldepflicht Ihr Anspruch auf Sozialhilfe komplett entfällt. Wir fragen Sie: Ja, wollen Sie das etwa?

Bitte beachten Sie zum Thema Meldepflicht folgende Vorschriften:

– Sämtliche Tätigkeiten, die einen monetären Vorteil für Sie nach sich ziehen, haben Sie umgehend dem zuständigen Jobcenter mitzuteilen und detailliert aufzuzeigen.

– Ohne Moos nichts los! Für Sie bedeutet das: Sie gehen nicht über Los und bekommen daher auch kein Moos.

– Sollten Sie unerwartet Stuhlgang antizipieren, haben Sie auch dies unverzüglich dem Jobcenter mitzuteilen. Kleinere Geschäfte können mit einer Vorschussfrist von 15 Minuten, größere Geschäfte mit einer Frist von 30 Minuten angemeldet werden, um Ihre ständige Erreichbarkeit zu gewährleisten. Eine Nachmeldung ist nur möglich, wenn Sie Ihrem Jobcenter binnen 12 Stunden eine entsprechende Stuhlprobe zukommen lassen, aus der eine offensichtliche Dringlichkeit Ihres keramischen Anliegens hervorgeht.

Bei Missachtung eines oder mehrerer der oben genannten Punkte werden, wie bereits erwähnt, Ihre Sozialleistungen gestrichen. Wir fragen Sie daher nochmal: Wollen Sie das?

Mit freundlichen Grüßen

“…deine Mudda!”, stieß Mo keifend aus, sich ungläubig die Augen reibend. Was für ein beschissener Morgen, dachte er und konnte in Gedanken einige Paragrafen des Briefes überhaupt nicht fassen, geschweige denn verarbeiten. “Wollen Sie das?”, äffte er in spöttischem Ton den Wortlaut des Textes nach. “Ja, klar will ich das, du dumme Fotze. Boah ey, und scheiß kalt in der Butze hier.”

Er goss heißes Wasser in eine Tasse mit löslichem Kaffee und schlurfte zum Wohnzimmer. Ungelenk ließ er sich in seinen Fernsehsessel fallen und verkippte etwas Kaffee über seinen Pullover. “Heiß, verdammte Scheiße!”, grummelte er und schaltete den Fernseher ein.

“Wie sieht die Welt in hundert Jahren aus?”, sagte ein Sprecher. “Wir haben mit versch…” Mo schaltete wieder ab. “Wie die Zukunft aussieht, willst du wissen? Das kann ich dir sagen.” Und er begann, das längste Selbstgespräch seines Lebens zu führen:

“Wenn die Atombomben fallen, wird nichts übrig bleiben. Nichts, außer Kakerlaken und Tauben. Und die Tauben werden so groß werden wie eine Boing 737 und die Kakerlaken so groß wie Leopard-II-Panzer. Und die Tauben werden auf die Erde scheißen. Enorme Batzen, ätzend wie Säure und beim Aufprall so erschütternd wie Erdbeben. Und die Kakerlaken werden sich unter ihren pechschwarzen Panzern verkriechen, perfekt getarnt auf verbranntem Boden. Und sie werden in Scharen über die Taube herfallen, die es wagt, am Boden nach einer einzelnen Kakerlake zu picken. Bis zur absoluten Vernichtung allen Lebens auf der Oberfläche des Planeten Erde wird dieser Kampf geführt werden. Und danach wird sich der Planet ein paar hunderttausend Jahre Verschnaufpause gönnen. Und dann werden wieder hässliche Plattfüßer aus dem Wasser steigen. Und dann werden wieder Affen auf Bäume klettern. Und dann werden Affen wieder vom Baum steigen. Und dann werden sich die abgestiegenen Affen wieder Anzüge anziehen und geschwollenen Scheißdreck labern. Und dann haben wir wieder den Salat.”

VI

Ein feiner Nebel zog über die Landschaft. Das Pochen und die gedämpfte Musik waren hier nicht mehr zu hören. Es war kalt und Sven beobachtete seinen Atem wie er weiß und schwerelos zum Himmel stieg. Die Geister der Nacht auf dem Weg ins Paradies. Oder in die Hölle, wenn oben unten ist. Überhaupt, dachte Sven, wenn eine Seele tatsächlich 23 Gramm wiegt, würde sie dann nicht nach unten fallen. Denn 23 Gramm sind 23 Gramm und 23 Gramm steigen nicht einfach so nach oben, es sei denn sie würden nach oben gezogen. Und wer gezogen wird, der geht nicht freiwillig. Und das eine Seele etwas wiegen muss, schien Sven gewiss. Schwer wiegt ein Leben auf der Seele, überlegte er und schwer fällt sie ins Paradies. Er lief mittlerweile wieder langsam in eine unbestimmte Richtung. Nachdem er für einen Moment stehengeblieben war, um sich auszuruhen und zu orientieren, meinte er, hinter sich noch immer die wütenden Rufe der bloßgestellten und um eine bedeutungslose Nacht betrogenen Männer zu vernehmen. Der Alkohol, der Rauch und der Rausch hatten seine emotionale Empfänglichkeit zum Vorschein gebracht und so wusste er selbst nicht ob er verängstigt, glücklich oder wütend war. Eine Vielzahl von Gefühlen drangen auf ihn ein, die sonst erfolgreich von einer kühlen Rationalität und beruhigenden Monotonie begraben waren. Am Horizont erschienen die ersten Strahlen der Sonne, die durch den Nebel gebrochen wurden und so, undeutlich und verschwommen auf dem bis dahin dunklen Grund der unbewegten Landschaft hervortraten.

Nach einer Weile erreichte Sven einen Hügel von dem aus er die Landschaft bis zum Horizont überblicken konnte. Die Welt schien zweigeteilt. Knapp über dem Boden zog der Nebel unbestimmt durch die Dörfer und über die Felder. Das Licht, von Wassertropfen und Staub tausendfach gebrochen, schien in den Wolken wie gefangen. Gischt die über meine Heimat zieht, dachte Sven und richtete seinen Blick weiter nach oben, wo die Sonne mittlerweile deutlich hervortrat und alles was über dem Nebel lag in ein orangefarbenes Licht hüllte. Sie steigt, dachte Sven. Sie steigt, bis sie wieder sinkt. Irgendwo im Wald zu seiner rechten stieß ein Vogel einen seltsamen Ruf aus und Sven wünschte sich seinen Namen zu kennen. Immer noch sah er auf die Welt zu seinen Füßen, wo der Nebel nun immer deutlicher von einem gelben Schein eingehüllt wurde. Ein alter Hahn stieß einen kraftlosen Schrei aus, das Läuten der Kirchenglocken. Spuren der Zivilisation. Sven spürte eine stille Euphorie, die schließlich von einer tiefen Ruhe abgelöst wurde. Er dachte daran, dass diese Landschaft und die ganze Welt eines Tages wieder menschenleer sein würden. Die Menschheit wäre vergangen doch die Erde würde immer noch existieren. Die weit entfernten Berge, die gebrochen und zerklüftet den Rand seines Gesichtsfeldes markierten, die nur von vereinzelten Lichtstrahlen beschienen Täler und der morgendliche Geruch des Taus auf den von Betrunkenen zertrampelten und von Autos platt gefahrenen Wiesen, überzeugten ihn von der eigenen Bedeutungslosigkeit und vielmehr noch von der befriedigenden Bedeutungslosigkeit der Menschheit. Irgendwann wird alles vergangen sein, dachte Sven, und unser Leben besitzt kein Gewicht.

Sven erinnerte sich an Peters Worte und seinen Plan und dachte, dass er vielleicht niemanden aus der Abwärtsspirale befreien aber doch der Menschheit ein Beispiel geben könnte. Aber wofür, überlegte Sven. Beispiel für den Untergang? Er wusste es nicht und wollte die Minuten der Erkenntnis und Erlösung nicht durch ernüchternde Gedanken vertreiben. Er setzte sich auf den Boden und lehnte sich an einen alten Baum, dessen einer Ast, vom Blitz getroffen zu Boden hing. Es fiel ihm schwer den Blick von der Landschaft abzuwenden, doch schließlich zog er seine Jacke enger und erinnerte sich an den Brief vom Arbeitsamt. Erregt durchwühlte er seine Jacken- und Hosentaschen, doch fand nichts außer einer handvoll Kronkorken und einer fast leeren Zigarettenschachtel. Er sprang auf, entdeckte sein Handy und seine Haustürschlüssel, warf sie abschätzig zu Boden und lief auf der Suche nach dem Brief zweimal ziellos um den Baum. Ohne etwas zu finden, setzte er seinen Lauf fort, übersah eine Wurzel und fiel unsanft zu Boden. Mühsam wälzte er sich auf den Rücken, blickte in den Himmel und lachte. Erst jetzt merkte er wie müde er war und begann sich zu fragen, was mit Peter geschehen war. Für einen Moment schloss er die Augen. Was wird wohl morgen noch von heute übrig bleiben, dachte Sven. Kurz darauf schlief er ein.

V

“Guck mal da!”, riss Peter seinen Freund unsanft aus dessen Tanzbestreben. “Da ist ne Rothaarige.” Benommen blickte Sven umher und versuchte, Peters schwankenden Finger zu fokussieren, der auf die gegenüberliegende Seite der U-förmigen Bar zeigte. Dort nahm gerade eine Frau mit roten Haaren Platz. “Das ist die nich’.”, sagte Sven enttäuscht. Und so setzten sich die beiden wieder und bestellten eine neue Runde.

“Weißt du, was mir beim Tanzen bewusst wurde?”, fragte Sven nach einer Weile, die Frau gegenüber beobachtend.
“Nö.”, erwiderte Peter angeödet schnaufend.
“Dass in vielen Werken der Weltliteratur immer wieder Französisch gesprochen wird.”
Leicht verwirrt fragte Peter: “In französischen Werken oder wie?”
“Nein, allgemein. Zum Beispiel im ‘Zauberberg’ oder ‘Krieg und Frieden’.”
“Aha!”
“Ja, meistens im Dialog mit Frauen. Als ob Französisch der totale Antörner wäre, der die Frauen rallig macht, also auf so ‘ner emotionalen Ebene trifft.”
“Oho!”
“Wenn ich’s mir recht überlege, sollte ich das vielleicht auch mal ausprobieren. Ich hab doch ziemlich lange Französisch in der Schule gehabt und trau’ mir das zu.”
Mittlerweile hatte sich ein junger Mann zu der Frau gesellt, der angeregt auf sie einredete.
“Soso!”, sagte Peter nach einem kurzen Moment der Stille. “Was traust du dir zu? Die Alte auf Französisch anzulabern? Alter, ich halt’s nicht mehr aus mit dir. Du bist hier in ‘ner schäbigen Dorfdisse. Der einzige, der hier vielleicht noch Französisch kann, ist die Schwuchtel von Barkeeper. Von hinten, versteht sich.”

Doch Sven schenkte den Worten seines Freundes kein Gehör. Wie in Trance glitt er von seinem Hocker herüber an die andere Seite der Bar und näherte sich dem Duo. Noch bevor sie ihn bemerkten, sprach er den einzigen französischen Satz, den er sich im Voraus zurechtgelegt hatte: “Ce mec-là, il ne veut que baiser!”
Verdutzt sah man ihn an. Nach vielen unangenehmen Sekunden des Schweigens vernahm er ein gehauchtes ‘Wie bitte?’ von der rothaarigen Schönheit, die ihm Bann seines starren Blickes stand.
“Der Typ will nur ficken, hab ich gesagt! Das sieht man dem doch an.
Erneutes Schweigen umhüllte die Gruppe. Zu seiner Überraschung musste Sven feststellen, dass der Typ sich räuspernd davonmachte. Er setzte nach: “Mademoiselle, vous êtes tellement belle, avec vos cheveux rouges et votre visage si joli, je me tombait amoureux de vous.
Fasziniert und gleichermaßen geschmeichelt sah sie ihn an. Verstand sie ihn etwa? Sie antwortete nicht.
“Excusez-moi mon effort audacieux pour il est trop précipité, mais je dois vous rencontrer bientôt.” Aus dem Augenwinkel sah Sven den Kerl von vorhin, der sich mit seinen halbstarken Freunden auf den Weg nach ihm machte. Instinktiv spürte er, dass sie ihm an den Kragen wollten. “Ma chère, malheureusement je dois sortir cet établissement et j`espère profondément qu’on se voit à nouveau.” Er küsste ihre Hand und zwinkerte ihr zu. Sie lächelte verlegen.

Ich laufe, also bin ich. Sven nahm beide Beine in die Hand und lief in die Nacht hinaus. Als er wieder zum Stehen kam, graute bereits der Morgen.

IV

„Was meinst du eigentlich damit: „Vielleicht sollte ich ihn suchen?“, sagte Peter lachend. „Und wenn du ihn findest, machst du was? Nett fragen, ob du ihn schlagen darfst, oder ob er dir noch eine reinhaut? Für Schlägereien sind wir doch gar nicht die Typen. Stell dir doch mal vor, wie das aussehen würde, wenn wir zum Schlag ausholen. Bestenfalls würden wir günstig stolpern, dem Gegenangriff so ausweichen und uns den Schädel beim ungebremsten Fall gegen die Wand nur anbrechen. Vielleicht hätte die Menge dann ein Einsehen und würde sich angeekelt oder gar belustigt abwenden.“

„Oder sie treten mich blutig und pissen mich an.“, sagte Sven verbittert. Der Schlag hatte ihn nicht allzu hart getroffen und die Wange schmerzte nur unmerklich, doch irgendetwas war ihm bewusst geworden, als er auf dem Toilettenboden aufschlug und für einige Minuten mehr resigniert als gekränkt liegen geblieben war. Es war offensichtlich und unbenennbar und stand entweder direkt mit seinem Leben oder dem Leben an sich in Verbindung. Sven wusste es nicht und wollte nicht darüber reden. Lose Fäden wurden von seinem Verstand nach allen Seiten ausgeworfen und auch wenn sie zum Zeitpunkt ihrer Schöpfung ein Ziel hatten, fielen sie jetzt bedeutungslos und umso schwerer zu Boden. Sven kniff die Augen zusammen und hoffte, dass durch die verengte Perspektive alles Unnütze an seinen Augenlidern abprallen möge und nur die Erkenntnis bliebe und seinen Verstand erreiche. Sven sah sich als fadenlose Marionette, die das Laufen gelernt hat aber nicht sehen kann.

„Nana, jetzt mal nicht so pessimistisch!“, warf Peter gut gelaunt ein. „Und warum guckst du eigentlich so bescheuert? Sicher, dass mit dir alles in Ordnung ist?“

Sven saß mit zusammengekniffenen Augen neben Peter. Ein rotes Licht ruhte auf seinem Gesicht, seine Arme bewegten sich ruckartig und ungelenkig. Die Musik war für einen Moment verstummt, doch Sven vollzog weiter mit größtem Ernst einen stummen Tanz. Wie einer dieser japanischen Roboterhunde, musste Peter unwillkürlich denken. Oder ein Schamane. Entweder er hat jetzt etwas Wichtiges erkannt oder er erkennt gar nichts mehr. Unterwerfung oder Erlösung. In ersterem Fall würde ich ihn angewidert streicheln, überlegte Peter. In zweitem, in den Tanz einstimmen. Plötzlich fielen Peter ein Gemälde und die Zeilen eines Gedichtes ein. Auf dem Bild waren in abwechselnder Reihenfolge Menschen und Skelette zu sehen, die sich an den Armen und Händen hielten und vor einer idyllischen mittelalterlichen Landschaft einen bewegungslosen Tanz vollführten. Betrachtet man das Bild von links nach rechts, sind die Bewegungen auch irgendwie abgehackt, dachte Peter. Ein gemalter Film. Ist das Svens Totentanz? Peter wusste es nicht und als Sven sein Bier für eine ganze Zeitlang nicht anrührte und nur immer weiter tanzte, begann Peter schließlich auch zuckend auf seinem Barhocker zu tanzen.

Das Leben ist wie die Lampe, die auch schon anfängt auszubrennen, wenn sie angezündet wird! So alt wie jeder von euch ist, so viele Jahre habe ich schon mit euch getanzt. Jeder hat seine eigenen Touren, und der eine hält den Tanz länger aus als der andere. Aber die Lichter verlöschen zur Morgenstunde, und dann sinkt ihr alle müde in meine Arme.“

Das Klassenzimmer ist still. Niemand traut sich zu lachen, doch in den Augen der Kinder und Erwachsenen glitzert der Spott. Genüsslich und verächtlich. Direkt neben Mo steht Karl als Kind, als Jugendlicher, als Erwachsener, als Greis. Als Mo ihn für längere Zeit ansieht, erkennt er, das es eigentlich sein eigenes Gesicht ist, in das er da blickt. Mo als Kind, als Jugendlicher, als Erwachsener, als Greis. Das Gesicht jedoch ist immer das Gleiche. Jeden Tag blickt es ihn mitleidig aus dem Spiegel an. Mo schaut in seine eigenen Gesichter und in seinen Augen glitzert der Spott. Genüsslich und verächtlich. Er steht im Klassenzimmer, der Boden unter seinen Füßen ist nass. Seine Mutter hält einen Zeigestock in der Hand, an dessen Spitze ein Licht erscheint, das Mo anstrahlt. Sie geht auf Mo zu und das Licht wird immer heller und blendender und ist gelb und blau und rot und hüllt schließlich seinen ganzen Körper ein, der pulsiert und aus dem eine blendende Flüssigkeit läuft. Mo versucht vor sich selbst zu entkommen, doch schließlich ist da nur noch blendendes rotes Licht.

Als er schließlich erwachte saß Mo noch immer auf der Toilette. Der Boden vor dem Klo war nass und fluchend machte er sich daran seine Pisse aufzuwischen. Der Raum stank und er war müde, seine Beine schmerzten. Schließlich schleppte er sich deprimiert in die Küche und ließ sich auf einen Stuhl fallen. Vor ihm auf dem Tisch lag der Brief. „Was solls?“ dachte sich Mo und öffnete den Umschlag.

 

III

Mo schreckte aus seinem Schlaf auf. Seine gesamte linke Seite zuckte, aber er war innerlich gefasst. Er hatte einen seltsamen Traum und versuchte sich zu erinnern:
Es war am Ende seiner Schulzeit. Er stand kurz vor den Prüfungen für sein Fachabitur und feierte mit seinen Mitschülern den letzten Schultag. Alle waren ausgelassen, fröhlich und voller Tatendrang. Nur Mo fühlte sich an diesem Tag unwohl, es war, als stünde er vor einem Abgrund; in ihm herrschte tiefe Leere.
“Was ist los, Mo?”, fragte sein bester Freund Karl. “Du bist so still. Lass ordentlich Party machen heute.” Mo schluckte laut hörbar und ging zu den anderen.
Dann Szenenwechsel:
Ein paar Jahre zuvor im Klassenzimmer, gefühlte Zukunft, die Lehrerin war seine Mutter, die Klasse ein Wirrwarr aus tatsächlichen Mitschülern und undefinierbaren Personen, die irgendwann, irgendwo Einzug in sein Leben hielten. “So, wer kann mir sagen…”, sprach die Lehrerin, also seine Mutter, “…was Leben ist?” Alle Hände schnellten hoch, außer Mos, der eingeschüchtert die Hand leicht anhob, um nicht aufzufallen. “Ja, Moritz?” Mo räusperte sich und kalter Schweiß breitete sich auf seiner Stirn aus. Gelächter.
Szenenwechsel:
Ein verschmolzenes Raum-Zeit-Geflecht schulbezogener Personen und Klassenzimmer. Alle scheinen das gleiche Buch zu lesen. Mo sucht in seinem Rucksack nach dem Buch, kann es aber nicht finden. Vorsichtig wendet er sich zu der Person am Nebentisch, in der er Karl zu identifizieren glaubt und flüstert: “Hey, was liest du da?” Eine Reaktion bleibt aus.

Da war es wieder, dachte Mo, als sein Erinnerungsvermögen abbrach und sich seine Gedanken im Strudel wiederkehrender Eindrücke verloren. Das Gefühl, dass irgendwas vor ihm verwahrt blieb, sein Leben lang, was allen anderen anvertraut war, so eine Art Buch des Lebens, ein Regelwerk zur Anleitung für das Leben, woran sich alle halten, wie selbstverständlich, ohne Rückfragen, ganz einfach, weil es einem von Kindheit an beratschlagend zur Seite steht, quasi wie Muttermilch aufgesaugt wird, fast ein Naturprinzip in Buchform, ein Gott auf Papier.
Hatte Gott ihn vergessen? Oder gar verbannt? Warum waren die anderen so zielstrebig und lebensbejahend, während bei ihm immer mehr Zweifel aufkamen? War er nur ein erbarmungswürdiger Pessimist oder ein notorischer Schwarzmaler, der nach Ausreden für sein eigenes Unvermögen suchte? Welches Unvermögen eigentlich? Er war doch hier, zwischen all den anderen, kurz vor seinem Schulabschluss, eine Ausbildung vor Augen, seinen bisher kaum von der Norm abweichenden Weg in der Gesellschaft absolviert. Doch wer bestimmt eigentlich diese Norm?

Mo raffte sich vom Bett hoch und ging ins Badezimmer, wo ein heftiger Schmerz sein rechtes Bein durchfuhr. Nicht auch noch das rechte, dachte er und setzte sich unüblicherweise beim Pinkeln hin.

„Wenn dich einer auf die linke Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin.“, versuchte Peter Sven zu ermuntern, der leicht benommen wieder auf dem Barhocker Platz nahm. “Hast du echt nichts gesehen?”, fragte Sven. Peter schüttelte den Kopf.
“Und der hat dich einfach so…, aus heiterem Himmel?”
“Ja, voll auf die Mütze, hab’s nicht kommen sehen und auf einmal lag ich da, mitten auf dem Kloflur.” Sven deutete auf seine rechte Wange, die ziemlich gerötet war.
“Heftig! Und ich Volltrottel hab’s nicht bemerkt. ‘Ne richtige Schlägerei!”
“Keine Schlägerei. Eine Faust von der Seite, ohne Ankündigung. Das ist Betrug, feige und hinterhältig.”
“Darauf zwei Kurze! Warte, ich bestell’ eben.”
“Alter, ich find das grad nicht so witzig. Vielleicht sollte ich den Wichser suchen…”
“Oder die Wichserin.”, ergänzte Peter höhnisch grinsend. “Vielleicht war es ja die geheimnisvolle Rothaarige…”
Sven seufzte. “Verdammte Scheiße, warum passiert das ausgerechnet mir? Ich bin wahrlich nicht der Typ für sowas.”
“Kopf hoch, Großer!”, sagte Peter plötzlich ernst und Sven überlegte angestrengt, wann Peter ihn jemals ‘Großer’ genannt hat.
“Nich’ lang schnacken, Kopp in Nacken!”, willigte Sven schließlich erschöpft ein und ergab sich damit seinem Schicksal.

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