IV

Eine Disko. Die Dorfdisko. Ekstatische Tänze und wilde Sauforgien. Am Tresen sitzen Lydia und eine unbekannte Frau. Sie rauchen. Lasziv zieht Lydia an ihrer Zigarette, während Sven in Gedanken die “z” betont. Er nähert sich an. Durch das Getöse dringt ihre liebliche Stimme glasklar an sein Ohr, behaftet mit einem französischen Akzent: “Isch will nur disch.”

Kalter Worte blauer Dunst
Hüllst mich ein mit deiner Gunst
Gibst mir zu verstehen
Was andere nicht sehen

Eine Hand packt ihn unsanft am Arm und zieht in ihn Richtung Männerklo.
“Schulz, lass mich los!”
“Jetzt pass mal auf, Kleiner. So wird das nichts mit den Frauen. Wir machen einen Test. Stell dich neben mich, wir pinkeln jetzt. Bereit? Das ist der ultimative Selbstbewusstseinsgradmesser.”
Sven ziert sich anfangs, öffnet dann aber die Hose und versucht, locker zu bleiben. Sofort ertönt das maskuline Strullen Schulz’, welches bei Sven Hemmungen Ladehemmungen verursacht. Er bemerkt, wie Schulz immer wieder höhnisch zu ihm herübersieht und bekommt keinen Tropfen heraus.
“Scheiß Mucke hier!”, ruft Schulz schließlich selbstzufrieden. “See you on the Metal floor!”

Wusch, Sven wirbelt durch Zeit und Raum. Im Haus seiner Mutter kommt er wieder zu sich.
“Sven, jetzt sei doch nicht wieder so maulfaul. Hast du einen Job gefunden?”
“Mutter, was zur Hölle!?”
“Ach, Sven, ich erkenn dich kaum wieder. Du wirkst so abwesend. Du nimmst doch keine Drogen, oder?”
“Mutter, ich muss weg, ich glaub ich dreh durch.”
Wie eine angesengte Sau riss er sich vom Stuhl hoch, zur Haustür hinaus und schwang sich instinktiv auf sein Fahrrad. Seine Mutter schrie ihm aus dem Küchenfenster hinterher: “Kein Licht, du Arschloch!”

Wo Feuersbrünste endlos walten
Phönixtränen starr erkalten
Gleicht die Hoffnung auf Beseelung
Der ungewollten Vereinigung
Von Leben und Tod

Eine wüstenartige Landschaft, ausgetrocknete Böden, hier und da ein Sandhaufen. Von überall her ziehen vereinzelte Menschen eine kleine Dünung hinauf. Sven schließt sich der zerstreuten Masse an, bis er den Hügel erklommen hat. Von dort erkennt er einen fast ausgetrockneten See, der in kleine Tümpel, kaum größer als Pfützen, zerfallen ist. Die Menschen scheinen von den Wasserstellen magnetisch angezogen. Doch was Sven nun sieht, will einfach nicht in seinen Kopf gehen. Wie nasse Säcke lassen sich die Leute kopfüber in die Pfützen fallen, sodass der Kopf gänzlich im Wasser verschwindet. Was ihm anfangs als unerträglicher Durst dünkt, entpuppt sich schnell als Alptraumvision. Immer mehr Menschen strömen zu den Tümpeln und begraben den Kopf im Wasser. Sven wird Zeuge einer gewaltigen Ertränkungsorgie.

Tanzende Schiffe
Vor schäumenden Riffen
Beseelung des Universums gleich Urknall

Ein Mond und zwei Schatten
Wie konkurrierende Erdplatten
Hochmut kommt vor dem Fall

Peters Wohnung. Peter, auf einem Stuhl sitzend, durch das Fenster die kleine Kirche anblickend.
“Peter!”, sagte Sven. “Ich kann nicht mehr. Bitte mach, dass das aufhört.”

III

Schwärze. Stille. Dann, nach einer Weile, ein Lichtkegel, eine Silhouette. „Der Gang schlängelt sich schnurgerade, in endlosen Windungen, zielgerichtet und verloren durch den Tempel, der jetzt dunkler wird. Die Wände verlieren sich in der Höhe der Decken. Die weiße Reinheit der obzönen Figuren, der brutalen Gemälde und plagierten Weisheiten flackert sporadisch durch die ruhigen Schatten der großen Wandleuchter, die elektisch summen, wo LED’s nur tonlos schweigen. Das ehemalige Tollhaus der ausgestorbenen Dorfkultur mittlerweile zu einer unbleckten Stätte erleuchtungssuchender Nihilisten befördert, wandelt, vor in sich selbst blickenden Augen, Richtung unsicherer Zeiten. Je tiefer sich ein Mensch in den von Menschen gemachten Korridoren Schulzes Phantasie verliert, umso tiefer wird auch das Schweigen. Tip, Tap, Tip, Tap, tip, tap, tip. tap, ti, ta, ti, ta. Auf unsichtbaren Schwingen fliegen die Töne davon. Vom Erklingen und Verstummen erzählt das Leben und von diesen Lasterm befreit, bewahrt das Nichts vor Tod und Geburt. Das letzte Licht der Welt, der Glanz in Svens Augen, um das auferlegte Schweigen bemüht, erlischt hinter der nächsten und nächsten Biegung. So irrt ein stummer und unsichtbarer Schatten durch die Dunkelheit der Katakomben, ahnungslos von der Welt und dem Leben, gerüstet nur mit dem, was wir ihm geben.“ Abgang Peter.

„Die Beine vertreten und bloß nichts sagen. Endlich den Kopf frei kriegen. Sowas Albernes, also wirklich. Da wird man verarscht und niemand scheint mehr bei Verstand zu sein. Wobei das natürlich auch so ein Ausspruch ist, der nach Diskusionen, nach einer eingehenden Auseinandersetzung verlangt. Aber mit wem? Auseinandersetzung mit wem? Wo ist Peter?“ Sven war mittlerweile in einen leichten Laufschritt verfallen. Das Licht wurde spärlicher aber die Bewegung half. „Bewegung hilft. Aber wobei? Wobei hilft Bewegung? Den Kopf freikriegen, natürlich, aber wozu den Kopf freikriegen? Eine Welt des Irrsinns, der sich seit einiger Zeit entlädt. Und diese Zeit ist natürlich auch definiert. Denn wer weiß, was davor kam. Der Urknall und plötzlich war alles da. Doch selbst wenn ich mich an eine Vergangenheit erinnere, muss das nichts heißen. Mit dem großem Knall kam das große Chaos. Eigentlich fing alles mit dem Arbeitsamt an. Arbeitsamt und summende Lichter“, dachte Sven. Doch wie war es davor? Gab es eine Zeit ohne Unsinn und Chaos? „Das ist doch die Frage, was war vor dem Chaos und was ist das Nichts.“ Treppen auf und Treppen ab, lief Sven, und verstrickte sich immer tiefer in seinem klaren Kopf. „Treppen auf und Treppen ab und dann bin ich am Ziel.“ Als Sven um den nächsten Abzweig bog, bemerkte er zu spät, dass ihm eine Wand den Weg versperrte. Mühsam versuchte er seinen Lauf zu bremsen, ruderte verzweifelt mit den Armen und fluchte bereits vor dem Aufprall, doch die Tiraden halfen nichts und erstickten, als die Wand mit Sven kollidierte. Ein weiteres Mal an diesem Tag schlug unser Held auf dem Boden auf und durch ein fahles Zwielicht sich langsam lichtenden Schmerzes sah er das Gemälde, das vor ihm auf dem Boden lag. Durch den Zusammenstoß zu Boden gefallen, war der Rahmen gebrochen und Farbe war bröckelte in großen Stücken von dem bräunlichen Papier. Sven öffnete und schloss die Augen, von dem Bild angezogen und abgestoßen, wusste er nicht, wie er in diese Sackgasse geraten war und wie er jemals wieder aus den Abgründen von Schulzes Finsternis hinausfinden sollte. Immer noch unschlüssig, wie er sich dem Bild gegenüber positionieren sollte, blieb Sven dabei im schnellen Wechsel seine Augen zu öffnen und zu schließen. Es schien ihm die sinnvollste Reaktion auf eine ausweglose Lage und eine absurde Welt. An- und Absage in einer fließenden Bewegung, Leugnung und Akzeptanz in einem Wimpernschlag. Alles um ihn herum zeigte sich doppelt und zeigte sich nicht und die Leere der Zwischenräume wurde gefüllt mit Spekulation. Das Kunstwerk zu Sven Füßen bildete so eine grobe Skizze der Wirklichkeit, die von ihm gewüllt werden wollte. Die Figuren bewegten sich, irrsinnig wandten sie ihre Blicke. Die Körperhaltung völlig entspannt wurde zu einem spastischen Zucken entspannter Körper. Haare wirbelten, bewegungslos und als einförmige Masse. Ein erschrockenes Gesicht, ein lüsterner Blick, ein Lachen und das unerschöpfliche Auslaufen eines Gefäßes, waren zu ewiger Bewegungslosigkeit erstarrt und alles davor und danach war phantastische Spekulation. Alles was war, war hier. Doch auch wenn die Zeit nicht existierte, wurde das Bild von Svens wildem Blick in Bewegung gesetzt, und die panischen Krämpfe der Figuren, die aus ihrer ewigen Haltung ausbrechen wollten, betonten nur ihre Hilflosigkeit und die Unvergänglichkeit des Augenblicks. Sven kam ein Gedanke. Abrupt hielt er in der Bewegung seiner Lider inne. Den austeigenden Schwindel und der obligatorischen Übelkeit die Stirn bietend sprang er auf und tastete die Wand neben ihm ab. Über seine Zwinkergeschwindigkeit überrascht, hatte Sven erst nicht bemerkt, dass sich in der Wand neben ihm eine unscheinbare Tür befand, die sich kaum von der sie umgebenden Wand abhob. Jetzt stemmt er sie ächzend auf, kroch hindurch und erblickte steil nach oben führende Treppen. Stockwerk und Stockwerk bahnte er sich seinen Weg nach oben, ging zuerst, lief dann und rannte schließlich, bis er von weit oben ein Licht sah, dass sich beim näherkommen als Tür enttarnte.

II

“Sven! Komm herein, tritt ruhig ein, nicht so schüchtern.” Schulz wirkte kokett wie ein Adliger des Rokoko und sprang leichtfüßig in seinem weißen Gewand auf und ab. “Darf’s etwas Tee sein? Gebäck?”
“Schulz, was soll das Ganze? Was soll das hier eigentlich werden?”, fragte Sven ernst und leckte sich die Blutkruste über der Oberlippe.
Schulz’ Miene verfinsterte sich. “Für dich ab jetzt Zeus, oder Göttervater. Zu meiner Linken die bezaubernde Aphrodite. Er pustete ihr einen Luftkuss entgegen. Und zu meiner Rechten Hermes, ähm, Hermann der Götterbote. Haha! Merk dir das, du kleines Gewürm.”
Daraufhin ertönte ein leises Kichern der rothaarigen Frau den Raum.
“Lydia, bist du’s?”, fragte Sven nervös, aber als Antwort erntete er nur wieder ein unpersönliches Kichern. Auch Hermann, der am anderen Ende des Tisches saß, stieg in das Kichern mit ein, wobei es eher nach einem Grunzen klang.
In diesem Moment erschien vor Svens Augen erneut die Szene beim Arbeitsamt. Welche frappierende Ähnlichkeit doch zwischen Hermann und diesem Sachbearbeiter, Volker oder wie er hieß, vorlag… Nur schien Hermann ein verzerrtes Spiegelbild Volkers zu sein: Die Mundwinkel hingen beim Lachen, welches kaum als solches erkennbar war, müde herunter, Körperspannung war nicht vorhanden, schulterlanges, ungepflegtes Haar verdeckte große Teile seines Gesichts. Er sah aus wie deprimierte Zwillingsbruder Volkers. Lydia kicherte weiter vor sich hin, während sie verlegen den Blick senkte.
“Hermann, halt’s… Halt dich zurück!”, sagte Schulz. “Sven, du musst entschuldigen, er ist mein debiler Ex-Schwager, ein Laster meiner ersten Ehe, lange, traurige Geschichte, ich will das nicht weiter ausführen. Ich hoffe, du nimmst dir meine Weisheit von vorhin zu Herzen. Es werden weitere folgen.”
Hermann grunzte wieder, diesmal unverkennbar schweinegleich.
“Schulz, hör auf mit der Scheiße!”, schrie Sven. “Was soll das hier werden, du krankes Arschloch?”
Schulz hielt für einen Moment erschrocken inne, ehe er sich wieder lockerte und bedrohlich ruhig äußerte: “Sveni, du solltest das Ganze hier nicht auf die leichte Schulter nehmen. Hast du dich denn nicht gefragt, warum du hierher gekommen bist?”
Sven sah ihn verwirrt an. “Nun ja, irgendwie wollte Peter, dass wir hierher kommen. Ich sollte mal rauskommen, Abstand zu dem ganzen Arbeitsamtstress gewinnen. Aber ich verstehe langsam gar nichts mehr. Warum sind die Leute vom Amt jetzt hier? Das ist doch reinste Freakshow, ich meine, schau doch nur mal, was aus dir geworden ist? Irgend so ein Guru, der sich für Gott hält und obskure Leute um sich scharrt, denen scheinbar jegliches eigenständige Denken abhanden gekommen ist. Und das alles in unserem beschaulichen Dorf. Wie kann das alles sein?”
“Das sind alles Dinge, über die du dir nicht den Kopf zerbrechen solltest, Sveni. Frag dich doch lieber, warum dich dein treuer Freund Peter zu uns geführt hat. Vielleicht hat es eine Bewandtnis mit deiner Einweisung, deren Sinn sich deiner bislang entzieht.”
“Einweisung?” Sven ließ den Blick schweifen und sah, wie Lydia erneut zu kichern anfing, ohne ihn dabei anzuschauen, woraufhin Hermann erneut in Grunzen verfiel.
“Jetzt sag doch auch mal was, Lydia! Die Briefe und das alles – wozu?”
“Sven!”, brüllte Schulz wütend, mit der Hand aud den Schreibtisch schlagend. “Das herauszufinden bedarf Zeit. Zeit, die wir dir geben können. Halt dich einfach an die Regeln und du wirst Antworten finden. Aber die Zeit läuft auch gegen dich. Du bist nicht umsonst hier. Ich wünsche dir einen erkenntnisreichen Aufenthalt. Und jetzt geh raus und schweig!”

I

Für endlose Zeit herrschte Stille in dem opulenten Saal. Keine Regung und kein Atmen. Keine Bewegungen. Nur die in ihrer Verbeugung erstarrten Jünger und die von Schulz angeführte Gruppe, die auf einem Podest stand, dass sich langsam aus dem Boden erhob. Schulz hatte seinen Jogginganzug gegen ein weißes Gewand eingetauscht, dessen Ende noch eben weit hinter ihm auf dem Beton zu seinen Füßen gelegen hatten das sich jetzt aber wallend mit ihm erhob und den Blick auf das Bild eines mit Rebensprossen gekrönten Löwenkopfes freigab, der in der Mitte von einem Holzstab durchstochen war. Mit geschlossenen Augen fuhr Schulz dem Himmel entgegen und seine Arme streckten sich langsam, bis er sie schließlich, kurz unter der Decke angelangt, entkräftet fallen ließ und sich ein vielstimmiges Summen erhob, dass zu einem dunklen Grollen anschwoll.

„Ach du Scheiße, Peter. Das ist doch Lydia.“ Svens Stimme verklang in der düsteren Tonalität des Chors der Jünger, doch von einem Moment auf den anderen verstummte der Saal und schuf Platz für ein entsetztes Flüstern. Schulz Augen waren weit aufgerissen und mit zitterndem Arm zeigte er auf Sven. „Du wagst es in meinen Tempel zu kommen und die heilige Ruhe zu stören, wagst es, mich bloßzustellen und diese Stätte der Erleuchtung mit deinem Frevel zu beschmutzen. Wer bist du mich herauszufordern und mich in meinem Haus zu betrügen. Einen Platz der Einsicht mit Geschwafel zu entweihen. Haltet ihn. Fasst ihn und bringt ihn zu mir.“

Einige Männer und Frauen lösten sich aus der Masse und kamen aus allen Richtungen auf Sven zu. Hilfe suchend blickte er sich nach Peter um, doch der stand einige Meter entfernt und nickte ihm nur aufmunternd zu. Mit dem Achseln zuckend ergab sich Sven seinem Schicksal, streckte die Arme aus und ließ sich gleichgültig durch die Menschenmenge führen, die sich, wie durch unsichtbare Hand geleitet, vor ihnen öffnete und eine schmale Gasse bildete. In den Gesichtern der Jünger erkannte Sven die unterschiedlichsten Emotionen, die sich im Widerstreit miteinander befanden und die er nur schwer einordnen konnte. Ein junger Mann sah ihn hasserfüllt und mit zusammengekniffenen Zähnen an, während ihn eine ältere Frau voller Liebe zulächelte. Auf dem kurzen Weg wurde Sven angebellt, bespuckt, gestreichelt und geküsst und als er schließlich direkt vor Schulz stand, meinte er zu erkennen, dass auch Schulz ihn anlächelte, bevor er Sven kurz darauf ins Gesicht schlug.

„Unsere heutige allabendliche Andacht ist bis auf weiteres vertagt. Es tut mir leid. Ich habe keine Worte dafür, wie sehr ich diesen Vorfall bedauere. Es wäre ein ganz besonderer Abend geworden. Kunst und Liebe. Und noch einmal: Es tut mir leid. Man sollte die Demut besitzen sich die eigenen Fehler und die Fehler anderer einzugestehen.“ Bei diesen Worten musterte er den zu seinen Füßen liegenden Sven für alle sichtbar. „Vielleicht ist es die Empathie, die mich anfällig gemacht hat für Sentimentalität, doch ich bereue diese Schwäche und werde auch unseren Neuankömmling hier mit strenger Hand erziehen, wie auch ihr von mir erzogen wurdet. Und nun geht bitte und denkt über meine Worte nach.“

Bedächtig löste sich die Versammlung auf und die noch eben von Liebe und Hass entstellten Gesichter waren von jeglichem Gefühl befreit und fixierten nun wieder einen Bereich außerhalb des äußeren Scheins. Fasziniert beobachtete Sven das Schauspiel während er von einem Mann und einer Frau am Arm gepackt und durch die Gänge geschoben wurde. Er vergaß dabei den Schmerz in seinem Gesicht und das Blut, das nun aufs Neue aus seiner Nase lief. Als er über den alten Schulz nachdachte, fing er an zu lachen und der Anfall steigerte sich in absurde Höhen, bis er nicht mehr gehen konnte und Angst bekam, das dies sein Ende sei. Tod durch Ersticken kurz vor der Exekution durch einen alten Dorfkneiper, der durch Geschick und Leberzirrhose zum diktatorischen Führer einer aufstrebenden Sekte wirtschaftlicher Eliten in einem winzigen Dorf am östlichen Arsch Deutschlands aufgestiegen ist. Mit schmerzverzerrtem Gesicht hielt sich Sven seinen Magenund rang verzweifelt nach Luft. Das Blut floß stoßweise auf den Boden und spritzte übermütig auf die Kunstwerke und die Psalmen an den Wänden. Die neben Sven einhergehende Frau sah sich erschrocken um, erkannte den in einem Seitengang stehenden Schulz und wechselte hastig einige Worte mit ihm.
„Sehr gut, sehr gut. Sein Aufstieg hat begonnen.“
„Meister wollen sie sagen, dass dies von Anfang an ihr Plan war?“
In Gedanken versunken stand Schulz vor Ihnen, bis er schließlich lächelnd erwiderte
„Aber natürlich. Bringt ihn sofort auf mein Zimmer.“

Wortlos wurde der immer noch lachende, kreischende und japsende Sven an den Schultern gepackt und vor Schulz’ Zimmer abgesetzt. Als er die Tür mit hochrotem Kopf öffnete, erwarteten ihn bereits Schulz, Herrmann und Lydia.

XV

“Herrmann, du dumme Sau!” Schulz’ Stimme dröhnte durch die Lautsprecher im Korridor. Ein furchterregendes Stöhnen folgte, einem gepeinigten Monster gleich. Daraufhin eine Frauenstimme: “Meister! Das Mikrofon ist noch an.” Und dann ein “Verdammte Scheiße!”, als die Durchsage abrupt verklang.

Sven und Peter nahmen Platz im opulenten Speisesaal, nachdem sie sich ohne weitere Vorkommnisse in ihrem Zimmer etwas frisch machten. Auf Peters Aussage, dass dies schon ein komischer Laden sei, reagierte Sven erst jetzt, eine halbe Stunde später: “Das ist schon echt ein komischer Laden.”, sagte er, aber Peter winkte desinteressiert ab. Er deutete stattdessen auf die Briefe in Svens Hosentasche.
“Na, willste sie nich öffnen?”
“Nee, das bringt nur wieder Unglück. Ich versteh nich, wie die hierher gekommen sind. Alter, da steht sogar als Empfänger mein Name drauf. Wie geht denn das?”
“Komm, mach schon auf. Das nennt sich Schicksal.”
Am gegenüberliegenden Tisch bemerkte Sven eine hagere Frau mit hohlen Augen, die ihn ansah wie ein weidendes Schaf, während sie emotionslos auf einem Salatblatt herumkaute.
“Okay, einen mach ich auf. Den anderen erstmal nicht. Aber welchen? Lass uns ne Münze werfen. Hast du eine dabei?”
Peter kramte unter Anstrengung eine Kupfermünze aus seiner Gesäßtasche an seiner zum Bersten gespannten Hose.
“Kopf, den grauen, Zahl, den weißen Umschlag. Kopf oder Zahl?”
“Zahl!”, sagte Sven und schmiss die Münze nach oben.

H: “Müssen wir wegen der ganzen Sache nicht erst den Chef um Erlaubnis bitten?”
D verärgert: “Halt doch’s Maul, du Möchtegern-Herkules. Was meinst du, warum wir uns ausgerechnet an diesem Ort zusammenfinden? Weil er nichts, aber auch gar nichts von unseren Plänen erfahren soll!”
H: “Aber das Menschenprojekt beenden ohne sein Wissen? Wie soll das gehen?”
Plötzlich veränderte sich die Atmosphäre der dimensionslosen Kneipe. Die Decke riss auf und gab den Blick frei auf einen pechschwarzen, sternlosen Himmel, oder ein Loch im Raum-Zeit-Gefüge oder irgendetwas anderes Unerklärliches.
H: “Scheiße, was ist denn jetzt los?”
Violette Blitze durchzuckten lautlos das schwarze Nichts. Hannes tippelte nervös mit den Fingern auf dem Tresen herum. Pan und Dionysos sahen besorgt dem entgegen, was sich dort anbraute. Mo zapfte unentwegt Bier, aber nicht mehr in Gläser, sondern auf den Fußboden. Ein leichtes Grollen wurde hörbar.
P zu D: “Er kommt.”
D: “Scheiße! Wie zum Teufel hat er uns gefunden?” Panisch zu den Halbgöttern: “Verkriecht euch, schnell. Wenn er euch hier sieht, seid ihr geliefert.”
Ein Blitzschlag krachte mit ohrenbetäubendem Lärm ins Fragile Säuferglück, das sich mehr und mehr auflöste.

Sehnte sich auch einst ein sterbliches Wesen
Nach seiner zerstörerischen Macht der Gewitter
Ward er bestraft, doch sei’s drum gewesen
Die Erde erschüttert
Gegner zersplittert
Jugend verwittert
Alles erzittert
Vor Zeus, dem Zerficker

“Zahl!” Sven nahm den weißen Umschlag und öffnete ihn vorsichtig. Im selben Moment betraten Schulz, Herrmann und eine rothaarige Frau den Saal, während sich seine Jünger erhoben und ehrerbietend verbeugten.
“Was steht drin?”, drängte Peter.
Sven überflog, während er mit seinen Augen gebannt dem seltsamen Trio folgte. “Ihre persönlichen Zugangsdaten für das Jobcenter-Trainingsportal. Microsoft Office spielerisch lernen. Bei Nichtanwendung droht eine Kürzung Ihrer Sozialleistungen.”
Peter sah ihn lange Zeit nichtssagend an.
“Was für eine dumme Scheiße!”

XIV

H: „Jetzt aber sachte. Das Menschenprojekt wird eingestellt. Warum denn gleich so rabiat?“
D: „Nichts rabiat, konsequent. Die Menschen sind auf Irrwegen und wir sind die Erlöser all der verschenkten Leben.“
Die Biergläser häufen sich auf der Theke, doch Mo zapft unbeirrt weiter, den Blick auf seine Hände gerichtet.
P nachdenklich trinkend: „Mir solls recht sein, hab eh nie verstanden, warum wir den Scheiß gestartet haben aber dann ohne diesen schwülstigen Erlöserpathos.“
H: „Also eigentlich fand ich es immer ganz schön zwischen dem ganzen Pack. Man konnte sich ausleben und man selbst sein.“
P: Als ob du da jemals was anderes gemacht hast als hier. Nur das Säuferglück hieß eben Schmiedehammer.
Mo von seinen Händen aufschauend: „Fragiles.“
D: „Schnödes.“
P: „Lächerliches.“
H: „Penetrantes.“
D: „Was los Mo, noch nicht ganz sauber in der Birne?“
Mo: „Fragiles Säuferglück.“
D, P und H gleichzeitig aufatmend: „Ah.“
Mo: „Da muss man schon penibel sein. Wenn nicht da, wo dann?“
H: „Der alte Mo. Weiß immer, wie man eine Situation rettet.“
P: „Im Gegensatz zu dir.“
D: „Wie dem auch sei, mein Entschluss ist endgültig.“
H: „Aber…“
D: „Nichts aber.“
P: „Die Zeit ohne uns hat ihn weich gemacht.“
D: „Ohne mich.“
Die einsetzende Stille wird nur durch das beruhigende Plätschern des Biers in den sich unaufhörlich füllenden Gläsern unterbrochen.
D: „Mo, eifrig wie eh und je. Ohne zitternde Hände zapfts sich gleich viel leichter, was? Was macht eigentlich unser anderer Bote? Neuigkeiten?“
H kichernd: „Die fette Qualle folgt seinem Schatten auf Schritt und Tritt. Scheint seinen Partner fürs Leben gefunden zu haben und genießt seine Zeit in vollen Zügen.“
Mo irritiert seine Hände musternd: „Wenigstens einer macht, was er soll. Und jetzt Ruhe und trinkt.“
D, H und P leeren pflichtbewusst ihre Gläser.
D nach einiger Zeit: „Wir müssen ihn kontaktieren.“

„Eine Vision!“, Sven klang aufgeregt. „Peter, eine Vision und zack dein Leben sieht anders aus. Umgefallen, aufgestanden und alles so weitergemacht wie bisher, nur anders. Meinst du sowas kann mir auch passieren?“ Der Schlag kam ohne Ankündigung und traf Sven mitten im Gesicht. Lachend stand Peter neben Sven und beobachtete, wie der sich mit schmerzverzerrtem Gesicht die Nase hielt und mühsam auf die Beine kämpfte.
„Was zum Teufel?“
„Na na na. Übermut tut selten gut.“
„Und dann haust du mir einfach eine rein.“
„Für die Erleuchtung. Was machen die Visionen?“
Wütend wollte Sven davonstürmen. Er malte sich aus, wie Peter beschämt zurückblieb, sich immer aussichtsloser in den Windungen von Schulz’ Schloss verstrickte, bis ihm schließlich, in den tiefsten Katakomben Herrmann auflauerte und Peter so die Erkenntnis seines Irrtums ereilte. Doch gerade als er sich umdrehen wollte, sah er vor sich auf dem Boden zwei ungeöffnete Briefe. Triumphierend reckte er sie in die Höhe und rieb sie Peter ins Gesicht, während aus seiner Nase langsam das Blut rann. „Vom Arbeitsamt, vergessen und wiederentdeckt. Meine Vision und Erleuchtung.“
Angewidert schloss Peter die Augen. „Oh Mann, meine Erleuchtung das Arbeitsamt. Sag mal Sven, geht’s noch?”

XIII

“Was machst du denn?”, fragte Sven.
“Ja!”, sagte Peter. “Was wissen wir denn schon von dir, außer dass du ne Kneipe hattest und samstags aufm Fußballplatz ausgeschenkt hast?”
Schulz musterte die beiden scharfäugig und erwiderte mit einer gewissen Genugtuung in der Stimme: “Na, das halt. Ich schenke aus, alles mögliche, nur jetzt jeden Tag.” Er lachte und zog eine Schublade an seinem Massivholzschreibtisch auf. Er griff hinein und holte drei Zigarren heraus. “Lange nicht gesehen, Jungs. Schön, dass ihr mal vorbeischaut. Hier, kubanische.”
Sven verzog das Gesicht. “Nein, danke.” Peter griff beherzt zu.
“Nun”, sagte Schulz, während er sich und Peter die Zigarren anzündete und ein paar Mal genüsslich paffte, “eines schönen Tages ging ich gutgelaunt zu meiner Gaststätte, machte mich daran, das Essen zu kochen, bereitete das Tagesgeschäft vor, alles wie immer, als mir plötzlich schwindelig wurde und ich in Ohnmacht fiel. Als ich wieder zu mir kam, standen viele Leute um mich rum, alles Dorfnasen, die mir schielend und lallend auf die Schulter klopften und ins Gesicht, und die ekelhaft lachten, als ich mich wieder aufrappelte. Alle dachten, ich hätte zu viel gesoffen und keiner von denen hatte es fertiggebracht oder wäre auch nur auf die Idee gekommen, einen Krankenwagen zu rufen.”
Er inhalierte einen tiefen Zug Zigarrenrauch und ließ den Blick schweifen. Sven und Peter folgten gespannt seinem Blick.
“An diesem Tag wurde mir etwas klar. Er blies einen großen Rauchschwaden fast in Zeitlupe aus. Auf Menschen ist kein Verlass, außer auf dich selbst.”
Nach einer merkwürdigen Pause sagte Sven plötzlich: “Das ist die banalste Geschichte, die ich je gehört habe. Was hat das mit diesem Haus hier oder überhaupt mit irgendwas zu tun?”
Schulz schlug mit den Fäusten auf den Tisch. “Natürlich ist das banal, du Schlaumeier! Das ganze verfickte Leben ist banal. Aber was bist du blöd, mitten in meiner Geschichte sowas zu sagen? Gut, habe verstanden, dann kürze ich die Sache ab: An diesem Tag schwor ich mir, das stumpfe Dorfleben, den Fußball und das ganze undankbare Pack hinter mir zu lassen. Dann ließ ich meine abgewrackte Kneipe in diesen Hochglanztempel umbauen; die Gesichter der ganzen Klappspaten während der Bauarbeiten hättet ihr sehen sollen. Ich sag nur: strengste Geheimhaltung. Die Gerüchteküche war natürlich am Brodeln. Ob ich völlig übergeschnappt wäre und einen Schlachthof bauen würde, um meine eigenen Würstchen zu verkaufen, so wie der Hoeneß. Ha, diese Deppen. Ich lief indes nur noch incognito rum, um die Verunsicherung weiter voranzutreiben. Es ging sogar soweit, dass die Bauarbeiter bedrängt wurden, ihnen zu erzählen, was mit mir passiert sei. Die glaubten wahrscheinlich, dass ich entführt oder verstorben sei und dass auf meinem Grundstück eine riesige Beautyfarm entstehen würde. Jedenfalls”, holte Schulz mit einem breiten Grinsen aus, “jetzt sitze ich hier, seht mich an, von überall her strömen stumpfe Gestalten in mein Kunstkloster und bezahlen ein Heidengeld dafür, sich den Großteil des Tages anschweigen und mir ab und zu bei meinen Gesangsübungen zuhören zu dürfen. Denn ich verfolge seit jenem schmachvollen Tag der Erkenntnis nur ein Ziel, nämlich mein Leben voll und ganz auszukosten.” Ein Windzug umwehte seine schüttere Mähne. Peter kniff die Augen zusammen, als würde er geblendet.
“Zwei Dinge sind es, die mich antreiben: Geld und die bedingungslose Hingabe an Classic Rock.”
Schweigen breitete sich im Raum aus. Nach einer gefühlten Ewigkeit sagte Sven: “Ach ja, war n schöner Auftritt vorhin. Das Lied kannte ich irgendwoher.”
“Ja, wer da keinen Ständer kriegt, hat kein Herz!”, erwiderte Peter und beide lachten hysterisch los.
“Wollt ihr euch über mich lustig machen? Nun gut, dann geht zurück auf euer Zimmer. Bald ist Abendbrot, es wird eine Durchsage geben. Noch irgendeinen Wunsch? Vielleicht ne Lebensweisheit?”
“Ja, Schnee wär jetzt geil!”, sagte Peter.
Verdutzt starrte Schulz ihn an. Dann fuhr er sich stürmisch durchs Haar und durchsuchte mehrere Schubladen. “Ihr nun wieder”, sagte er, “muss gucken, ob ich noch was da hab. Das Zeug ist nicht so leicht zu bekommen, wisst ihr.”
Sven und Peter schauten sich fragend an und signalisierten diskret, dass der alte Schulz einen an der Klatsche hatte.
“Ich würd noch ne Lebensweisheit mit auf den Weg nehmen, wenn’s recht ist.”, sagte Sven schmunzelnd.
“Also gut!”, entgegnete Schulz, nachdem er sich wieder geordnet hatte. “Hier die Weisheit des Tages: Bleibt unbeweibt! Die Fickerei bringt nur Probleme.
Und jetzt husch husch!”

Auf dem Weg zurück zum Zimmer wussten die beiden nicht, was sie sagen sollten. So liefen sie wortlos die sprechenden Gänge entlang, während draußen unbemerkt dicke, weiße Flocken vom Himmel fielen.

XII

„Die Bewegungen der weißen Menge fügten sich dem Rhythmus der Musik. Das Einzelne wurde hinweg gerissen vom Wogen der menschlichen Welle. Das Individuum zerfiel in seine Einzelteile und wurde hinein gesogen in den pulsierenden Leib des Überkörpers. Ich war viele und ich musste nicht mehr sein.“

Die große Halle hatte sich mittlerweile geleert, der Rauch war abgezogen und die Lichter, die den alten Schulz eben noch in ein auratisches Licht getaucht hatten, waren einem gelblich flackerndem Kerzenschein gewichen. Der Raum war leer und nur der Geruch von schweißgebadeten Körpern hing noch im Raum. Nach dem ersten Lied hatte die schweigende Masse begonnen sich schneller im Takt zu wiegen. Körper hatten sich entzückter aneinander gerieben, bis schließlich ein summender Choral eingesetzt hatte, der beim dritten Lied in wilde unkontrollierte Schreie übergegangen war. Die Jünger, vom Schweigegelübde befreit und dem Regelwerk der heiligen Stätte entbunden, hatten sich ihren animalischen Instinkten und Regungen ergeben. Wie Peter und Sven später von einer der Empfangsfrauen erklärt wurde, endete mit dem Aussetzten des Gelübdes eine Periode der Vernunft, von geistiger und kreativer Produktivität und schuf Raum für eine spirituelle Reinigung. Die unbedingte Hingabe an alles körperlich, an alles nicht-geistige, ungehemmte Gewalt und Sexualität, solange sie den anderen nicht nachhaltig schädigte, sollte die Jünger einmal täglich befreien von der Last des Fleisches und der Natur, die ihre Gedanken bedrückte und ihre Fähigkeiten hemmte. Es gab in dieser halben Stunde nichts was zu tun war und nur wenig was nicht getan werden durfte.

„Viele Religionen und philosophische Strömungen, hatten das Problem der Restriktion und Beschneidung bestimmter Aspekte der menschlichen Natur. Wir sind der Ansicht, dass die modernen Werte des Humanismus und des Liberalismus tatsächlich zum Wohl der Gesellschaft beigetragen haben und doch denken wir, dass eine Trennung von körperlicher und geistiger Freiheit eher dem Ideal des modernen Menschen entsprechen. Die Phase des Geistes gibt die Freiheit für eine Beschäftigung mit dem Tiefsten Inneren, für einen Ausdruck der eigenen Person ohne kultur- oder kunsthistorisches Korsett und ohne Wertung oder Ziel. Man könnte es als metaphysischen Kreislauf der Selbsterkundung bezeichnen. Was wir auch tun. In der Phase des Fleisches bieten wir Raum für eine physische Erkundung des Selbst. Wir ermutigen die Teilnehmer dazu, mit ihrer Körperlichkeit zu experimentieren, die intersubjektiven Machtstrukturen und Moralgebilde einzureißen und sich mit ihrem animalischen Kern auseinanderzusetzen. Die schrittweise Lösung von nie hinterfragten Konventionen, wird schließlich in der nächsten Phase des Geistes reflektiert und findet Eingang in die eigene Arbeit, sei sie nun künstlerischer, wissenschaftlicher oder ökonomischer Natur. Erkenntnis und Erleuchtung ist für uns kein Momentum, kein plötzliches Ereignis, das unserer Bewusstsein durchschneidet und unserer bisherige Existenz in ihren Grundstrukturen erschüttert, sondern ein andauernder Prozess, der ständiger Überprüfung erfordert, den eigenen Zweifeln und sich wandelnder Einsichten ausgesetzt ist.“

Atemlos hatte die junge Frau, die sie vor kurzem empfangen hatte, ihren Monolog beendet und begonnen ihre auf den Boden verstreuten Kleider aufzusammeln. Sven und Peter waren ihr durch Hallen und Korridore gefolgt, ihr Rücken, ein leuchtendes Mosaik aus Schweißperlen und blutigen Kratzern, wie ein abstrakter Wegweiser immer vor ihren Augen. Als sie schließlich vor einer Holztür angekommen waren, hatte sie sich vor ihnen verbeugt und begonnen sich zu bekleiden. „Der Meister duldet es nicht, wenn jemand, seine Privatgemächer betritt. Bitte betrachtet es als ausgesprochene Ehre, dass er nun bereit ist, eine Privataudienz im Allerheiligsten zu gewähren.“

„Die Bewegungen der weißen Menge fügten sich dem Rhythmus der Musik. Das Einzelne wurde hinweg gerissen vom Wogen der menschlichen Welle. Das Individuum zerfiel in seine Einzelteile…“, der alte Schulz hielt Svens Notizbuch in seinen Händen und sein und Peters Gelächter erschütterten die kleine Nische des holzvertäfelten Raums in dem sie saßen..
„Meine Fresse Sven, die Vorführung scheint dich ja tief bewegt zu haben.“, Schulz nahm einen tiefen Zug von seinem Bier, zündete sich eine Zigarette an und reichte auch Sven und Peter zwei Gläser. Er hatte seine enganliegende weiße Hose gegen einen Jogginganzug getauscht.
„Nein ehrlich, das ist groß, das ist stark, das hat Potenzial. Ich habe Jahre für den Scheiß gebraucht und du spazierst hier rein und innerhalb von ein paar Minuten schreibst du hier diesen metaphysischen Wahnsinn. Ich sollte dich als PR-Leiter einstellen. Oder noch besser, du solltest den Laden hier schmeißen. „Ich war viele und ich musste nicht mehr sein.“ Stark, wirklich stark.“
„Achso na gut, danke. Schön.“, Sven nippte irritiert an seinem Bier und dem Kurzen, der sich wie aus dem Nichts vor ihm materialisiert hatte. „ Also nun ja, eigentlich verstehe ich das hier nicht.“
„Kein Grund zur Sorge.“, Schulz lächelte verschmitzt. „Ich kenne diesen Gesichtsausdruck. Jeden mal, wenn ich hier mit jemanden sitze, ist es das gleiche. Schau mal nach oben.“ Svens Blick wanderte zur Decke und was zuerst nur als flüchtiger Schatten erschien, löste sich langsam aus der Dunkelheit, schwang sich elegant zu ihrem Tisch und stellte drei neue Schnapsgläser vor sie.
„Richtig, richtig.“, Schulz strahlte. „Mein Barkeeper!“ Lautlos landete der Affe auf dem Tisch, verbeugte sich höflich und reichte erst Peter, dann Sven die Hand, bevor er seine Schürze gerade zupfte und wieder hinter der Theke verschwand. Peter applaudierte begeistert und machte anerkennende Geräusche. „Sven ein Affe als Barkeeper!“
„Nunja, das ist ja was. Aber das meinte ich eigentlich gar nicht.“
Schulz wirkte enttäuscht. „Schade.“
„Was soll denn das hier oder das da draußen oder das hier drin und da draußen.“
„Die Zeiten ändern sich.“, Schulz’ Blick schweifte in die Ferne. „Eigentlich mach ich immer noch das, was ich früher gemacht habe, nur anders und für mehr Geld.“

XI

D: “Mo, jetzt sag schon.”
Mo, eine Kerze anzündend: “Ich glaube, ich wurde langsam verrückt. Musste weg. Hab wahrscheinlich nen Doppelgänger da unten.”
D, H und P gleichzeitig: “Doppelgänger!?”
Mo: “Ja, vielleicht ein Agent, auf mich angesetzt. Ich sag’s euch: Die Dinge laufen aus dem Ruder.”
D: “Mal langsam, Mo. Wie muss ich mir das vorstellen? Läuft da jetzt noch einer wie du rum, so…”
H: Lachend “…Mit Hinkebein und allem Drum und Dran?”
P: “Sei still. Hast deinen Auftrag schließlich auch vermasselt. Inzestuöses Halbgötter-Pack!”
D. “Haltet beide die Schnauze! Mo, was kannst du berichten?”
Und Mo erzählte von einem Mann namens Herrmann Mann, einem vom Leben bitter enttäuschten Idealisten, der aufgrund seiner perversen Neigungen ins Exil flüchten musste, wo er sich mit anderen gescheiterten Existenzen einer falschen Gottheit verschrieben hat. Seltsame Dinge gingen dort vor sich, gefährliche Dinge, die die göttliche Schöpfung durcheinanderbringen vermochten.
Betroffenes Schweigen machte sich im ‘Fragilen Säuferglück’ breit, an dem Ort, wo es keine Zeit gab, wo alles nichts war und alles alles sein konnte.
D, finster und mit ernstem Ton an die Runde: “Das Menschenprojekt wird eingestellt.”

“Achtung, Achtung! Einleitung der Plauderphase. In zehn Minuten ist es wieder soweit: Unser Meister tritt im Saal der Verheißung auf. Alle Bewohner sind aufgefordert, sich unverzüglich auf den Weg dorthin zu begeben. Das Reden ist ab jetzt für eine Stunde erlaubt. Vielen Dank!”

Sven und Peter sahen sich verdutzt an.
“Was ist das hier nur für eine Freakshow?”, fragte Peter.
“Klingt doch toll!”, entgegnete Sven. “Lass uns schnell diesen Saal suchen.”
Plötzlich ertönte sanfte Rockmusik aus den Lautsprechern im Korridor. Peter und Sven verließen den Raum und sahen, wie weiß gekleidete Menschen wahllos aus ihren Zimmern und wie am Faden gezogen Richtung Wendeltreppe nach unten strömten.
“Mensch, Peter!”, sagte Sven aufgeregt. “Lass uns denen anschließen.”
“Ich weiß nicht! Irgendwie hab ich kein gutes Gefühl dabei, mich der Zombieparade anzuschließen.”
“Komm schon, wir wollen doch zum Meister, also zum Schulz. Komm!”
Der Weg verlief im Grunde unspektakulär, runter in die erste Etage, vorbei an den bizarren Kunstwerken und Parolen, zur Eingangshalle, wo eine Abzweigung in einen weiteren, prächtigen Korridor führte, an dessen Ende sich ein riesiges Tor befand, das mit einer weißen Schlange verziert war.
“Warum redet keiner von denen?”, bemerkte Peter, an den Hacken der übrigen Bewohner trottend. “Die hat doch gesagt, es sei erlaubt.”
“Wir genießen die Musik.”, sagte Sven. “Irgendwie kommt sie mir bekannt vor. Wunderschön!”
“Wir? Die, betonte er überdeutlich, haben uns noch nicht mal eines Blickes gewürdigt. Ich glaub, die sind nicht ganz sauber.”
“Lass dich einfach drauf ein.”, grinste Sven.

Am Schlangentor stand die Empfangsfrau und wartete auf die Bewohner. Lächelnd vergewisserte sie sich, dass auch alle anwesend waren. Dann öffnete sie die Pforte und sogartig ließen sich alle Bewohner hineinziehen. Sven und Peter trabten etwas vorsichtiger hinterher, an der Frau vorbei, die sie völlig auszublenden schien, denn sie schloss sogleich das Tor, als die beiden den Saal betreten hatten.

“I should have known better than to let you go alone.”, ertönte es auf einmal von der Bühne am Ende des komplett weißen Saales.
“It’s times like these I can’t make it on my own.”
Und zwischen den Rauchschwaden einer Nebelmaschine erschien schemenhaft der Umriss eines Mannes.
“Wasted days and sleepless nights.”
Weißes Stoffhemd und weiße Stoffhose, barfuß, lange, goldene Mähne, leicht schütter, aber geschmeidig, Bierbauch und Drei-Tage-Bart, kurzum: die Erscheinung eines sündigen Engels.
“And I can’t wait to see you again.”
Die Bewohner hatten sich derweil schon mit hochgerissenen Armen um die Bühne verteilt und bewegten diese leidenschaftlich von links nach rechts, als der Sänger zur zweiten Strophe ansetzte.
“Meister!”, stieß es aus Sven heraus, bei dem die Musik und generell das ganze Ambiente einen Nerv getroffen zu haben schien.
“Der alte Schulz!”, sagte Peter trocken und lachte lautstark gegen die Geräuschkulisse an.

X

Herrmann saß nackt auf seinem Bett und meditierte. Das Licht, das durch das übergroße Fenster in den vollkommen weißen Raum fiel, erzeugte sich kreuzende Schatten, die sich wie ein Netz auf seine Haut legten und die auf dem Boden verstreuten Modelle und die Extremitäten im entstehen begriffener Skulpturen zu einem surrealen Geflecht verwoben. Köpfe und Arme von Menschen und Fabelwesen lagen in wirrer Reihung, ungebunden und autark von widerspenstigen Körpern und einem beherrschenden Geist, waren sie frei vom Zwang der Rationalität und konnten sich in fleischlicher und sinnloser Lust miteinander vereinigen. Beine näherten sich schüchtern und unauffällig Händen und Brüste verwuchsen selbstbewusst mit benachbarten Rücken und Penissen. Herrmann schüttelte sich. Schweiß stand auf seiner Stirn und zitternd versuchte er sich von den albtraumhaften Visionen zu lösen. Dunkelheit hüllte große Teile seines Rückens ein, doch ein Mandala aus lichternen Rechtecken wärmte die auf seine Brust fallenden Tränen.

Herrmann sah sich, wie er langsam die Tür seines Hauses öffnete. Stille, wie immer, doch dann Geräusche, Lachen und zerbrechende Keramik, splitterndes Glas. Vorsichtig nahm er ein Netz aus dem neben der Tür stehenden Schrank, schlich die Treppen hinauf und öffnete die Tür zu seiner Werkstatt. Er hatte damit gerechnet, dass dieser Augenblick irgendwann kommen musste und erkannte sich gleichermaßen als Frankenstein und sein Monster, die nun vom Pöbel gerichtet wurden. Die metallenen und tönernen Skulpturen, die er hier nach seiner Arbeit, in einer naheliegenden Fabrik für Plüschtiere schuf, waren schon immer auf Ablehnung gestoßen. Nachdem er sie in einer kleinen Ausstellung in seinem Heimatort gezeigt hatte, war er als der Perverse von Todendorf verschrien und immer wieder hatten Graffiti mit Aufschriften wie „Tod dem Perversen“ sein Haus geschmückt. Herrmann trat durch die Tür und sah wie seine Frau in lüsterner Ekstase auf einer seiner Statuen saß. Ein riesenhaftes eisernes Zwitterwesen, halb Zyklop, halb Eidechse mit erigiertem Penis, auf dem Herrmann’s Frau sich nackt auf und ab bewegte und dabei von dem örtlichen Polizeichef im wütenden Spiel der Liebe vor und zurück geschleudert wurde. Die Scherben und Überreste der anderen Werke waren auf dem Boden verteilt, Bruchstücke vergebenen Ausdrucks und undefinierbarer Sehnsüchte und Ängste, die nun den Boden bereiteten für ein ungesehenes Schauspiel der Lust und Demütigung. Als seine Frau merkte, dass Herrmann das Zimmer betreten hatte, schaute sie ihn lächelnd und herausfordernd an und stöhnend formte sie mit dem Lippen das verhasste Wort „Perverser“. Unfähig seinen Körper zu bewegen oder seinen Blick abzuwenden, hatte Herrmann den Akt beobachtet und geschwiegen, Zeit und Raum vergessend und nur den Tanz unmöglicher Stellungen, Positionen und wirbelnder roter Haare beobachtend. Als er sich nach Unendlichkeiten relativer Zeit, endlich aus seiner Erstarrung löste, spürte er, dass etwas fundamentales zerbrochen war. Seine Statuen waren entweiht. Durch die Unzüchtigkeit der figurativen Sexualität hatte er sich etwas grundsätzliches bewahren wollen, eine unbestimmte Form geistiger Keuschheit. Eine Reinheit des Gefühls natürlicher Erfahrung, die frei war von menschlicher Intention und Zielen, und die erst jetzt mit ihrer Zerstörung greifbar wurde. Das Netz in seinen Händen, spürte Herrmann die aufsteigende Wut immer wiederkehrender Enttäuschung und Erniedrigung. Er dachte an den Augenblick, in dem seine erste Frau, kurz vor der jungfräulichen Vereinigung angeekelt die Flucht ergriffen hatte, als sie sein verstümmeltes nacktes Bein erblickt hatte, dass sonst unter dem Schutz der Kleidung verborgen lag. Die Erinnerungen hoben das Netz in Hermanns Hand und warfen es über sein Frau und den Polizeichef, die in aufsteigender Panik, vereinigt und gefangen, durch den Raum und die Scherben gezogen wurden. Und die Erinnerung war es, die Herrmann die beiden eingenetzt an das Bett im Schlafzimmer fesseln ließ und Freunde und Verwandt anrief, um auch seine Frau bloßzustellen, wie er bloßgestellt war. Doch als erst die Freunde und dann die Polizei, nach und nach in ihr Haus kamen, gab es kein Gelächter und keine Rache, sondern Handschellen und Knüppel und am Tag nach der Festnahme zeichneten die Zeitungen ein klares Bild des „Wahren Gesichts des Perversen von Todendorf“. Verschwommen war die Zeit im Gefängnis und verschwommen hatte Herrmann die korpulente Gestalt in Erinnerung, die ihm aus den Gefängnis abgeholt und in ein neues Leben geführt hatte.

Das Betttuch unter Herrmanns muskulösen Körper war mittlerweile nass von den Tränen, die das Bild seiner Tochter spiegelten, die er seit mehr als zwanzig Jahren nicht gesehen hatte und nur mühsam gelang es ihm seinen Geist zu fokussieren. Als er die Augen öffnete erblickte er den Schriftzug an der ihm gegenüberliegenden Wand: „Die Kunst hört niemals auf, wo doch das prophetische Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird. Denn unser Wissen ist Stückwerk und unser prophetisches Reden ist Stückwerk. Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören. Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin. Nun aber bleiben Freiheit, Ekstase, Kunst, diese drei; aber die Kunst ist die größte unter ihnen.“ (Schulz)

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