I

“Mir brennt noch was auf der Seele. Zornig und hartnäckig lodert da was. Ich wundere mich, wie wir hierhergekommen sind, wir und generell alle anderen. Dass es uns noch gibt, als Spezies. Jahrtausende lang schleppen wir uns so durch und dann explodiert alles förmlich wegen so einer Dampfmaschine – lächerlich. Eine Art menschgemachter Urknall auf der Erde, der uns zu verschlingen droht. Aber wir schießen derweil lieber unterirdisch Teilchen aufeinander in riesigen Kollisionsringen, anstatt uns der oberirdischen Gefahr bewusst zu werden, die aus uns selbst entspringt.
Weißt du Peter, das alles geht nicht spurlos an mir vorbei. Ich will mich nicht damit belasten, aber kann doch nicht anders, bin Informationsmasochist und zieh mir jeden medialen Furz in die Nase. Dabei verfluche ich mich und die ganze verdammte Informationsmaschinerie, vor allem das Internet. Und das Schicksal auch, dass es mich auf diese Bahn gezwängt hat.
Was gäb ich drum, früher geboren zu sein. Weiß nicht, so als Teil der goldenen Generation kurz nach dem Krieg, wo Aufbruchstimmung herrschte und jeder träumen konnte. Schau dich doch um, das sind jetzt die Bonzen-Rentner, die in ihren Limousinen an Fahrradfahrern vorbeifahren und mit hassverzerrten Fratzen Worte ausspeien, die man normalerweise seinem schlimmsten Feind nicht zumuten würde. Die Leute, die diesen Planeten maßgeblich durch ihren Lebensstil ruiniert haben und noch rechtzeitig abtreten werden, bevor hier alles zusammenbricht. Größtenteils unwissentlich – das ist ja die bittere Ironie. Umweltschutz wurde doch seinerzeit belächelt und ein globales Dorf waren wir auch noch nicht. Es gab halt damals noch kein Bewusstsein dafür, dass wir maßhalten sollten, um zukünftigen Generationen nicht das Wasser abzugraben. Stichwort: morphogenetische Felder.”
Peter ging langsam zum Fenster und schaute genügsam hinaus.
“Ach, ich wünschte, diese gottverdammte Büchse der Pandora namens Internet hätte sich nie geöffnet. Vielleicht hätte ich dann Zeit gefunden, etwas Anständiges zu lernen, einen handwerklichen Beruf etwa. Ich könnte einfach Teil der Dorfgemeinschaft sein, würde Fußball spielen im Verein und am Wochenende in der Kneipe sitzen und über derbe Zoten lachen, ohne mich stellvertretend für Randgruppe X oder Y angegriffen fühlen zu müssen. Stattdessen bin zu einer umherwandernde Hure mutiert, die sich alle zwei Wochen beim Arbeitsamt rechtfertigen muss, warum sie keine Freier an Land geholt hat.
Alles, was mich am Leben hält, sind infantile Gelüste nach einer Romanze, nach Sex, der nicht an Bedingungen geknüpft ist. Sex mit Lydia.”
Peter zuckte ein wenig, sein Blick behaarte aber weiterhin auf der Kirchenmauer gegenüber.
“Aber gleichzeitig habe ich Angst vor Frauen, besonders vor ihr. Schau dich doch um, wie viele verheiratete Männer wie kastrierte Pudel neben ihrer Frau herlaufen. Die Frauen fressen dich auf, das ist bei vielen Tieren so und bei uns nicht anders. Vagina dentata!”
“Hakuna matata?”, fragte Peter beiläufig.
“Bezahnte Muschi!”, erwiderte Sven und musste ein wenig lachen.
“Sven!”, sagte Peter. “Guck mal, der Pfarrer gegenüber zieht die Vorhänge zu. Jetzt wichst er bestimmt wieder. Lass uns doch mal rübergehen und nachschauen.”

VII

Der formlose Boden erzitterte und die transparente Stabilität des Untergrunds löste sich im umgebenden Vakuum auf. Sven sah auf seine Füße und auch wenn die Lichter den Raum unverändert durchbrachen und es keinen Anhaltspunkt für eine Ortsbestimmung gab, wusste er, dass er fiel. Mo‘s apathisches Gesicht, dass auf eine unbestimmt Tiefe gerichtet war, erhellte sich und verschwand in der sich über ihm schließenden Schwärze. Alles war stumm und kein Licht schien in dieser gegenstandslosen Welt.

Mitleidig schaute Peter auf den vor ihm sitzenden Sven. Mit einem zaghaften Lächeln drehte er sich zum Fenster, musterte den Kirchturm und wandte sich wieder Sven zu. „Ey Sven, alles klar mit dir?“
„Peter, ich sehe nichts, alles ist dunkel. Bin ich tot? Wo bist du?“
Das nur zu gut bekannte Kichern drang an Svens Ohren. „Na na, tot ist ein großes Wort und wer weiß schon, was nach dem Leben kommt.“
„Ich erinnere mich nur, dass ich gefallen bin und dann kam das Nichts.“
„Und wie war dieser Fall und was war dieses Nichts?“ fragte Peter jetzt sehr interessiert.
„Schnell und dann langsam und dann schwerelos aber gespürt habe ich nichts.“
„Soso, schnell und langsam, schwerelos und ohne Gefühl, eine leere Welt in Dunkelheit gehüllt, ohne Licht, ohne Menschen und ohne Geräusche.“
„Ja sagte Sven. Alles, was ich höre bist du.“
„Ach Sven. Verkopfte Klischees. Du hörst, was du hören willst, zu hören gedenkst oder hören sollst. Mach dich frei von deinen Zwängen.“ Peter lachte jetzt lauter. „Aber im ernst, mach erst mal die Augen auf.“
Einen Moment noch ergab Sven sich der friedvollen Ruhe, bevor er sich langsam betastete.
„Augen auf, du Schuft! Und keine Fummelei!“
Sven folgte Peters Befehl. Das Licht war grau und abgestanden. Die Kirchturmwand spendete wohltuenden Schatten. Trotz der Eintönigkeit der Farben und Formen, musste Sven sich eingestehen, dass er vermutlich und scheinbar zweifellos lebendig war. Die Gefühllosigkeit seines Körpers und die schweigenden Sinne, eine vergangene Illusion waren.
„Wie bin ich hierhergekommen? Wie bist du hierhergekommen?“ Sven erhob sich von dem Stuhl auf dem er zusammengesunken gesessen hatte.
Peter sagte nichts.
„Wo sind die Anderen? Wo ist Mo und wo ist Schulz? Wo waren wir?“
Mitleidig schaute Peter auf den aufgeregt im Raum umherirrenden Sven und wandte sich schließlich der grauen Wand vor seinem Fenster zu.
„Peter, nun sag schon, was der ganze Scheiß hier soll! Was war das gerade? Wer waren die anderen beiden Gestalten? Wer bist du?“
Peters ständiges Kichern verstummte. Traurig sah er auf die graubraune Monotonie eines Universums aus Rissen und Einkerbungen, aus winzigen und großen Steinen, aus einer unendlich vielgestaltigen Masse unterschiedlicher Atome.
Nach einer Weile sagte er sanft: „Na na Sven. Was sind das denn wieder für Fragen. Manchmal ist es besser nichts zu wissen.“
„Was soll ich tun?“
„Nichts. Manchmal muss man nichts wissen und nichts tun.“
Erschöpft ließ sich Sven in eine Ecke des Zimmers fallen. Nichts tun und nichts wissen, dachte er und fragte sich, ob Peter eine allwissende Maschine aus unbekannten Welten war, die sich frei durch Raum und Zeit bewegen konnte und deren Energiereserven nun nach unzähligen Reisen und unzähligen aufreibenden Gespräche über den Sinn des Lebens erschöpft waren. Erschöpfte Energien oder durchgebrannte Schaltkreise, kam es Sven in den Sinn, denn so tiefgründig die Gespräche auch waren, so sehr drehten sie sich auch im Kreis und so sehr erschöpften sie sich in ihrer eigenen Banalität. Gefangen in einer Endlosschleife erschöpft sich die Energie in sich selbst.
„Gefangen in einer Endlosschleife erschöpft sich das Leben in seiner eigenen Banalität.“ rief Sven laut aus, doch keine Blitze zuckten durch den Raum und Schulz‘ in Staub gehüllte Gestalt blieb abwesend.
Nur Peter wandte sich wieder lachend und mit Stolz in seinem Blick Sven zu. Sven schämte sich für den Gedanken an einen Machinenpeter, aber konnte diesen auch nicht gänzlich verwerfen.
„Ich glaube es ist an der Zeit ein Opfer zu bringen.“, sagte er schließlich mit zu Boden gesenktem Blick.

VI

Das keuchende Husten eines Kettenrauchers durchdrang den Raum. Von der sich manifestierenden Gestalt fiel in großen Mengen Staub herab, bis deutlich eine Person erkennbar wurde.
“Zeus!”, riefen D, P und H.
“Schulz!”, riefen Peter und Sven zur gleichen Zeit.
“Korrekt!”, würgte er hervor. “Nennt mich doch, wie ihr wollt, ihr Wilden. Wusste doch, dass ich euch hier finde. Peter, gute Arbeit. Unser Ehrengast hat es wohlbehalten hierher geschafft. Sven, ich will auch gleich zur Sache kommen. Wir haben uns heute hier versammelt, um die Frage zu klären, was der Weisheit letzter Schluss ist. Kannst du mir die Frage bitte beantworten?”
Sven, der wie paralysiert dastand, fixierte mit seinem Blick ungläubig Mo, der wiederauferstanden zu sein schien und unablässig Bier ins Bodenlose zapfte, ohne eine Miene zu verziehen. Gefühlt vergingen in dieser Stellung einige Jahre, in denen die Frage unbeantwortet im Raum stand und niemand es wagte, einen Einwurf zu machen.
Da hatte Sven plötzlich eine Eingebung und schrie: “Zweitens: Ich und du und Sven und alle Menschen, und alles Bewusstsein um uns herum existiert, nur die Welt an sich, mit all ihren Objekten und Formen und Gegenständen, entspringt unserer Einbildung. So wären wir rein geistige Wesen, die miteinander kommunizieren und eine kollektive Phantasie kreieren, die wir gemeinsam befüllen und ausschmücken, und in der sich nur der Blickwinkel auf das Geschaffene unterscheidet. Unser aller objektiver Geist schafft die Welt und das Individuum verleiht ihr Perspektive.”

“Hmm, nun ja, sicherlich, naja.” Schulz sah ärgerlich zu Peter herüber. “Nur, das hier ist kein Multiple-Choice-Test, sondern eine ernst gemeinte Frage. So leicht kommst du mir nicht davon. Sollte dir nichts Eigenes einfallen, wirst du ein Opfer bringen müssen.”
Sven proklamierte: “Wir können uns nur geistig begreifen, da wir aus Teilchen bestehen, die sich konstant mit nahezu Lichtgeschwindigkeit bewegen. Wir sind überall zur gleichen Zeit im Universum. Nur Geist und Seele definieren unseren genauen Standpunkt, die Seele als Anker und der Geist als Kompass. Von dort aus können wir alles erreichen, denn wir sind reine Bewegung, ausgestattet mit Instrumenten der Verlangsamung. Die einzige Kraft, die uns am Boden hält und bremst, sind wir selbst. Ich laufe, also bin ich. Das ist der Weisheit letzter Schluss.”
Stille hüllt die verschworene Gemeinschaft ein. Mo stellt das Bierzapfen ein und guckt starr zu Boden. Hannes beginnt zu lachen, worauf ihm ein Blitz durchs Mark eilt.
“Mein lieber Sven, sagt Schulz, soll das eine Weisheit sein? Weisheiten sind viel profaner, sie offenbaren sich nur denen, die einen klaren Geist haben. Du hingegen bist zu verkopft, abgelenkt und sollst dich daher beweisen. Besinne dich, was dir am wertvollsten ist und lass es los. So, und jetzt ist hier Feierabend! Pan, Dionysos, bringt mir diesen Nichtsnutz von Halbgott hier weg!” Er zeigte auf den sich vor Zuckungen auf dem Boden windenden Hannes. “Über eure Strafe reden wir später noch.
Mo, du hältst hier die Stellung und passt auf, wen du hier ab jetzt bedienst.” Sagte er und verschwand in der Staubwolke, aus der er gekommen war.

V

Mitleidig schaute Peter auf den vor ihm sitzenden Sven, der den Kopf auf die Knie gelegt hatte. Mit einem zaghaften Lächeln drehte er sich zum Fenster, musterte den schwankenden Kirchturm und wandte sich wieder Sven zu.

„Peter, bitte!“, fleht Sven und seine Stimme klang gedämpft durch den Stoff seiner Hose. Alles in ihm und um ihn herum zog Kreise und er sah sich als Fixpunkt eines unendlich schweren, endlich sichtbar gewordenen morphogenetischen Feldes, das weit über ihn hinaus und tief in ihn hinein reichte. Er fragte sich, seit wann Peter so war, wie er war. Eine unheimlich und vorbestimme Entwicklung hatte ihn der Sphäre des Irdischen entrissen, eine ungeahnte Erkenntnis ihm alle Zweifel genommen und das Geschenk des bedingungslos Skurrilen war ihm plötzlich und einem Wunder gleich anheimgefallen. Und so lange er auch zurückdachte, sah Sven nur ein zuckendes und sich windendes Licht und die verschwommene Wand, der unwahrscheinlich nah an Peters Haus, gebauten Kirche. Die Vergangehit löste sich auf und begann in einem Flur, reicht bis in Peters Wohnzimmer und drehte sich nur immer mehr in den Bahnen eines endlos enger werdenen Kreislaufs, bis sich schließlich alle Momente überlagerten und gleichzeitig über und nebeneinander ausgebreitet waren.

„Na na Sven, nun aber. Kopf hoch. Wird schon wieder.“ Das Echo einer Stimme in unbestimmter Ferne. „War alles etwas viel heute, was? “ Sven hörte das metallene Klicken eines Feuerzeugs. Endlose Stille. Ein tiefes paffendes Einatmen. Sven sah den Rauch durch seine geschlossenen Lider. Die grauweißen, sich langsam ausdehnenden Ringe, die allmählich in der Luft verblassten, durchbrachen die Bahnen der stillstehenden Zeit.

„In Schulz’ Haus oder Tempel oder was auch immer das jetzt ist, warst du auf einmal verschwunden.“, Peters Stimme klang überraschend ernst und sanft. „Durch die abgelegensten Winkel und Gänge bin ich gelaufen und habe dich gesucht aber nichts gefunden. Und egal wie lange ich die Etagen auch abgegangen bin, stand ich am Ende immer wieder vor der Tür zu Schulz Zimmer. Nach dem 4. oder 5. mal hatte ich die Schnauze voll und wollte mich einfach nur irgendwo hinsetzen und etwas trinken und zu meiner Überraschung kam der olle Schulz, gerade in dem Moment mit zwei Bier in der Hand aus seinem Raum. Lächelnd reichte er mir eins und bat mich oder befal mir, ihm Gesellschaft zu leisten. So saß ich also in seinem Tempel der Freiheit und Lust, wie er es selbst nannte und hörte mir an, was er zu sagen hatte. Und so sprach Schulz: Es gibt vier Möglichkeiten die Realität zu sehen. Erstens: ich existiere und du existierst und Sven existiert und die Welt um uns herum und alle Objekte in ihr existieren. Das ist wahrscheinlich die einfachste, wenn vielleicht auch nicht die beruhigendste Art, die Welt zu sehen. Und so sprach Schulz: Zweitens: Ich und du und Sven und alle Menschen, und alles Bewusstsein um uns herum existiert, nur die Welt an sich, mit all ihren Objekten und Formen und Gegenständen, entspringt unserer Einbildung. So wären wir rein geistige Wesen, die miteinander kommunizieren und eine kollektive Phantasie kreieren, die wir gemeinsam befüllen und ausschmücken, und in der sich nur der Blickwinkel auf das Geschaffene unterscheidet. Unser aller objektiver Geist schafft die Welt und das Individuum verleiht ihr Perspektive. Das ist die zweite Möglichkeit. Und so sprach Schulz: Drittens: Nichts außer dir oder mir oder Sven oder dem Denkenden existiert. Vielleicht erscheint es uns unwahrscheinlich, doch genauso unwahrscheinlich ist es, das ich beweisen kann, dass irgendjemand außer mir denkt. Eindeutig kann ich immer nur meine eigene Existenz bestätigen. Ich denke, also bin ich. Und dieses ich ist eben kein wir. Aber wie weit reicht dieser schöpferische Geist, der doch auch ein lebloses Vakuum wie die Schwärze der Nacht mit seinen Visionen zu beleben vermag? Und so Sprach Schulz: Und viertens: Ich und du und Sven und alle Menschen und alle Tiere und alle Gegenstände und Atome dieser Welt sind nur flüchtige Ideen eines unbekannten Schöpfers. Und mit dem Gedanken vergeht die Welt. Und natürlich weigern wir uns dies als Möglichkeit in Betracht zu ziehen, denn unser Denken gehört uns und niemand vermag uns zu steuern, denn der Mensch ist heilig und die Individualität ist heilig, doch oh wie flüchtig sind auch unsere Gedanken und oh wie absurd ist diese Welt. Es wäre ein brutaler und perverser, allmächtiger Geist, der diese unsere Welt erschafft, denn oh wie brutal und pervers ist diese Zeit und sind auch unsere Gedanken. Und so sprach Schulz zu mir.“ Peter hielt inne und Sven hörte wie er vorsichtig die Zigarette auf dem Boden austrat und dabei leise kicherte.

„Ich saß also dem Schulz gegenüber und hörte seinen Ausführungen schweigend zu. Nippte hin und wieder an meinem Bier und riß mir schließlich auch das zweite unter den Nagel. Schulz sprach mit tiefer Stimme, lümmelte auf seinem Sofa und blickte auf mich herab, wie auf seine Jünger. In seinem Jogginganzug glich er einem streunenden Heiligen und als er schließlich verstummte, blickte er mich aus glänzenden Augen an. Ich erwiderte seinen Blick. Stand auf und sagte: Schulz, ich weiß. Und wenn nur wir in diesem Raum sind, und nur wir beide existieren und beide an die gleiche Möglichkeit glauben, dann ist sie wahr.“

Sven saß noch immer schweigend da und starrte in die tiefe Dunkelheit seiner Lider. Zwar verstand er nicht was Peter sagte, doch beruhigte ihn die vertraute Stimme. Als er die Augen öffnete, zuckten Blitze durch eine bunt wabernde Atmosphäre. Der Untergrund auf dem er und Peter nun standen, war durchsichtig und nicht identifizierbar. Ein monotones Grollen und Donnern drang von allen Seiten auf sie ein und verlieh dem formlosen Raum eine hörbare Gestalt.
„Ach, Mensch. Sven, Nun komm.“, aufmunternd hielt Peter ihm ein Glas unter die Nase.
„Peter, was soll denn das?“ Wenige Meter von ihnen entfernt, erkannte Sven die Schatten einiger Gestalten. Peter misachtend, ging er auf sie zu.

Dionysos, Pan und Hannes sich langsam aufrichtend, nicht vorhandenen Staub von ihren Körpern klopfend. Mo weiter druch den unsichtbaren Boden in die Tiefe des Raumes zapfend, apathisch lächelnd.
D mit weit aufgereissenen Augen: Wir müssen weg. Das Grollen und die himmlischen Worte. Die Zeichen seiner Ankunft. Alles ist verloren.
P: Zu spät. In Svens Richtung deutend. Er kommt.

IV

Eine Disko. Die Dorfdisko. Ekstatische Tänze und wilde Sauforgien. Am Tresen sitzen Lydia und eine unbekannte Frau. Sie rauchen. Lasziv zieht Lydia an ihrer Zigarette, während Sven in Gedanken die “z” betont. Er nähert sich an. Durch das Getöse dringt ihre liebliche Stimme glasklar an sein Ohr, behaftet mit einem französischen Akzent: “Isch will nur disch.”

Kalter Worte blauer Dunst
Hüllst mich ein mit deiner Gunst
Gibst mir zu verstehen
Was andere nicht sehen

Eine Hand packt ihn unsanft am Arm und zieht in ihn Richtung Männerklo.
“Schulz, lass mich los!”
“Jetzt pass mal auf, Kleiner. So wird das nichts mit den Frauen. Wir machen einen Test. Stell dich neben mich, wir pinkeln jetzt. Bereit? Das ist der ultimative Selbstbewusstseinsgradmesser.”
Sven ziert sich anfangs, öffnet dann aber die Hose und versucht, locker zu bleiben. Sofort ertönt das maskuline Strullen Schulz’, welches bei Sven Ladehemmungen verursacht. Er bemerkt, wie Schulz immer wieder höhnisch zu ihm herübersieht und bekommt keinen Tropfen heraus.
“Scheiß Mucke hier!”, ruft Schulz schließlich selbstzufrieden. “See you on the Metal floor!”

Wusch, Sven wirbelt durch Zeit und Raum. Im Haus seiner Mutter kommt er wieder zu sich.
“Sven, jetzt sei doch nicht wieder so maulfaul. Hast du einen Job gefunden?”
“Mutter, was zur Hölle!?”
“Ach, Sven, ich erkenn dich kaum wieder. Du wirkst so abwesend. Du nimmst doch keine Drogen, oder?”
“Mutter, ich muss weg, ich glaub ich dreh durch.”
Wie eine angesengte Sau riss er sich vom Stuhl hoch, zur Haustür hinaus und schwang sich instinktiv auf sein Fahrrad. Seine Mutter schrie ihm aus dem Küchenfenster hinterher: “Kein Licht, du Arschloch!”

Wo Feuersbrünste endlos walten
Phönixtränen starr erkalten
Gleicht die Hoffnung auf Beseelung
Der ungewollten Vereinigung
Von Leben und Tod

Eine wüstenartige Landschaft, ausgetrocknete Böden, hier und da ein Sandhaufen. Von überall her ziehen vereinzelte Menschen eine kleine Dünung hinauf. Sven schließt sich der zerstreuten Masse an, bis er den Hügel erklommen hat. Von dort erkennt er einen fast ausgetrockneten See, der in kleine Tümpel, kaum größer als Pfützen, zerfallen ist. Die Menschen scheinen von den Wasserstellen magnetisch angezogen. Doch was Sven nun sieht, will einfach nicht in seinen Kopf gehen. Wie nasse Säcke lassen sich die Leute kopfüber in die Pfützen fallen, sodass der Kopf gänzlich im Wasser verschwindet. Was ihm anfangs als unerträglicher Durst dünkt, entpuppt sich schnell als Alptraumvision. Immer mehr Menschen strömen zu den Tümpeln und begraben den Kopf im Wasser. Sven wird Zeuge einer gewaltigen Ertränkungsorgie.

Tanzende Schiffe
Vor schäumenden Riffen
Beseelung des Universums gleich Urknall

Ein Mond und zwei Schatten
Wie konkurrierende Erdplatten
Hochmut kommt vor dem Fall

Peters Wohnung. Peter, auf einem Stuhl sitzend, durch das Fenster die kleine Kirche anblickend.
“Peter!”, sagte Sven. “Ich kann nicht mehr. Bitte mach, dass das aufhört.”

III

Schwärze. Stille. Dann, nach einer Weile, ein Lichtkegel, eine Silhouette. „Der Gang schlängelt sich schnurgerade, in endlosen Windungen, zielgerichtet und verloren durch den Tempel, der jetzt dunkler wird. Die Wände verlieren sich in der Höhe der Decken. Die weiße Reinheit der obzönen Figuren, der brutalen Gemälde und plagierten Weisheiten flackert sporadisch durch die ruhigen Schatten der großen Wandleuchter, die elektisch summen, wo LED’s nur tonlos schweigen. Das ehemalige Tollhaus der ausgestorbenen Dorfkultur mittlerweile zu einer unbleckten Stätte erleuchtungssuchender Nihilisten befördert, wandelt, vor in sich selbst blickenden Augen, Richtung unsicherer Zeiten. Je tiefer sich ein Mensch in den von Menschen gemachten Korridoren Schulzes Phantasie verliert, umso tiefer wird auch das Schweigen. Tip, Tap, Tip, Tap, tip, tap, tip. tap, ti, ta, ti, ta. Auf unsichtbaren Schwingen fliegen die Töne davon. Vom Erklingen und Verstummen erzählt das Leben und von diesen Lasterm befreit, bewahrt das Nichts vor Tod und Geburt. Das letzte Licht der Welt, der Glanz in Svens Augen, um das auferlegte Schweigen bemüht, erlischt hinter der nächsten und nächsten Biegung. So irrt ein stummer und unsichtbarer Schatten durch die Dunkelheit der Katakomben, ahnungslos von der Welt und dem Leben, gerüstet nur mit dem, was wir ihm geben.“ Abgang Peter.

„Die Beine vertreten und bloß nichts sagen. Endlich den Kopf frei kriegen. Sowas Albernes, also wirklich. Da wird man verarscht und niemand scheint mehr bei Verstand zu sein. Wobei das natürlich auch so ein Ausspruch ist, der nach Diskusionen, nach einer eingehenden Auseinandersetzung verlangt. Aber mit wem? Auseinandersetzung mit wem? Wo ist Peter?“ Sven war mittlerweile in einen leichten Laufschritt verfallen. Das Licht wurde spärlicher aber die Bewegung half. „Bewegung hilft. Aber wobei? Wobei hilft Bewegung? Den Kopf freikriegen, natürlich, aber wozu den Kopf freikriegen? Eine Welt des Irrsinns, der sich seit einiger Zeit entlädt. Und diese Zeit ist natürlich auch definiert. Denn wer weiß, was davor kam. Der Urknall und plötzlich war alles da. Doch selbst wenn ich mich an eine Vergangenheit erinnere, muss das nichts heißen. Mit dem großem Knall kam das große Chaos. Eigentlich fing alles mit dem Arbeitsamt an. Arbeitsamt und summende Lichter“, dachte Sven. Doch wie war es davor? Gab es eine Zeit ohne Unsinn und Chaos? „Das ist doch die Frage, was war vor dem Chaos und was ist das Nichts.“ Treppen auf und Treppen ab, lief Sven, und verstrickte sich immer tiefer in seinem klaren Kopf. „Treppen auf und Treppen ab und dann bin ich am Ziel.“ Als Sven um den nächsten Abzweig bog, bemerkte er zu spät, dass ihm eine Wand den Weg versperrte. Mühsam versuchte er seinen Lauf zu bremsen, ruderte verzweifelt mit den Armen und fluchte bereits vor dem Aufprall, doch die Tiraden halfen nichts und erstickten, als die Wand mit Sven kollidierte. Ein weiteres Mal an diesem Tag schlug unser Held auf dem Boden auf und durch ein fahles Zwielicht sich langsam lichtenden Schmerzes sah er das Gemälde, das vor ihm auf dem Boden lag. Durch den Zusammenstoß zu Boden gefallen, war der Rahmen gebrochen und Farbe war bröckelte in großen Stücken von dem bräunlichen Papier. Sven öffnete und schloss die Augen, von dem Bild angezogen und abgestoßen, wusste er nicht, wie er in diese Sackgasse geraten war und wie er jemals wieder aus den Abgründen von Schulzes Finsternis hinausfinden sollte. Immer noch unschlüssig, wie er sich dem Bild gegenüber positionieren sollte, blieb Sven dabei im schnellen Wechsel seine Augen zu öffnen und zu schließen. Es schien ihm die sinnvollste Reaktion auf eine ausweglose Lage und eine absurde Welt. An- und Absage in einer fließenden Bewegung, Leugnung und Akzeptanz in einem Wimpernschlag. Alles um ihn herum zeigte sich doppelt und zeigte sich nicht und die Leere der Zwischenräume wurde gefüllt mit Spekulation. Das Kunstwerk zu Sven Füßen bildete so eine grobe Skizze der Wirklichkeit, die von ihm gewüllt werden wollte. Die Figuren bewegten sich, irrsinnig wandten sie ihre Blicke. Die Körperhaltung völlig entspannt wurde zu einem spastischen Zucken entspannter Körper. Haare wirbelten, bewegungslos und als einförmige Masse. Ein erschrockenes Gesicht, ein lüsterner Blick, ein Lachen und das unerschöpfliche Auslaufen eines Gefäßes, waren zu ewiger Bewegungslosigkeit erstarrt und alles davor und danach war phantastische Spekulation. Alles was war, war hier. Doch auch wenn die Zeit nicht existierte, wurde das Bild von Svens wildem Blick in Bewegung gesetzt, und die panischen Krämpfe der Figuren, die aus ihrer ewigen Haltung ausbrechen wollten, betonten nur ihre Hilflosigkeit und die Unvergänglichkeit des Augenblicks. Sven kam ein Gedanke. Abrupt hielt er in der Bewegung seiner Lider inne. Den austeigenden Schwindel und der obligatorischen Übelkeit die Stirn bietend sprang er auf und tastete die Wand neben ihm ab. Über seine Zwinkergeschwindigkeit überrascht, hatte Sven erst nicht bemerkt, dass sich in der Wand neben ihm eine unscheinbare Tür befand, die sich kaum von der sie umgebenden Wand abhob. Jetzt stemmt er sie ächzend auf, kroch hindurch und erblickte steil nach oben führende Treppen. Stockwerk und Stockwerk bahnte er sich seinen Weg nach oben, ging zuerst, lief dann und rannte schließlich, bis er von weit oben ein Licht sah, dass sich beim näherkommen als Tür enttarnte.

II

“Sven! Komm herein, tritt ruhig ein, nicht so schüchtern.” Schulz wirkte kokett wie ein Adliger des Rokoko und sprang leichtfüßig in seinem weißen Gewand auf und ab. “Darf’s etwas Tee sein? Gebäck?”
“Schulz, was soll das Ganze? Was soll das hier eigentlich werden?”, fragte Sven ernst und leckte sich die Blutkruste über der Oberlippe.
Schulz’ Miene verfinsterte sich. “Für dich ab jetzt Zeus, oder Göttervater. Zu meiner Linken die bezaubernde Aphrodite. Er pustete ihr einen Luftkuss entgegen. Und zu meiner Rechten Hermes, ähm, Hermann der Götterbote. Haha! Merk dir das, du kleines Gewürm.”
Daraufhin ertönte ein leises Kichern der rothaarigen Frau den Raum.
“Lydia, bist du’s?”, fragte Sven nervös, aber als Antwort erntete er nur wieder ein unpersönliches Kichern. Auch Hermann, der am anderen Ende des Tisches saß, stieg in das Kichern mit ein, wobei es eher nach einem Grunzen klang.
In diesem Moment erschien vor Svens Augen erneut die Szene beim Arbeitsamt. Welche frappierende Ähnlichkeit doch zwischen Hermann und diesem Sachbearbeiter, Volker oder wie er hieß, vorlag… Nur schien Hermann ein verzerrtes Spiegelbild Volkers zu sein: Die Mundwinkel hingen beim Lachen, welches kaum als solches erkennbar war, müde herunter, Körperspannung war nicht vorhanden, schulterlanges, ungepflegtes Haar verdeckte große Teile seines Gesichts. Er sah aus wie deprimierte Zwillingsbruder Volkers. Lydia kicherte weiter vor sich hin, während sie verlegen den Blick senkte.
“Hermann, halt’s… Halt dich zurück!”, sagte Schulz. “Sven, du musst entschuldigen, er ist mein debiler Ex-Schwager, ein Laster meiner ersten Ehe, lange, traurige Geschichte, ich will das nicht weiter ausführen. Ich hoffe, du nimmst dir meine Weisheit von vorhin zu Herzen. Es werden weitere folgen.”
Hermann grunzte wieder, diesmal unverkennbar schweinegleich.
“Schulz, hör auf mit der Scheiße!”, schrie Sven. “Was soll das hier werden, du krankes Arschloch?”
Schulz hielt für einen Moment erschrocken inne, ehe er sich wieder lockerte und bedrohlich ruhig äußerte: “Sveni, du solltest das Ganze hier nicht auf die leichte Schulter nehmen. Hast du dich denn nicht gefragt, warum du hierher gekommen bist?”
Sven sah ihn verwirrt an. “Nun ja, irgendwie wollte Peter, dass wir hierher kommen. Ich sollte mal rauskommen, Abstand zu dem ganzen Arbeitsamtstress gewinnen. Aber ich verstehe langsam gar nichts mehr. Warum sind die Leute vom Amt jetzt hier? Das ist doch reinste Freakshow, ich meine, schau doch nur mal, was aus dir geworden ist? Irgend so ein Guru, der sich für Gott hält und obskure Leute um sich scharrt, denen scheinbar jegliches eigenständige Denken abhanden gekommen ist. Und das alles in unserem beschaulichen Dorf. Wie kann das alles sein?”
“Das sind alles Dinge, über die du dir nicht den Kopf zerbrechen solltest, Sveni. Frag dich doch lieber, warum dich dein treuer Freund Peter zu uns geführt hat. Vielleicht hat es eine Bewandtnis mit deiner Einweisung, deren Sinn sich deiner bislang entzieht.”
“Einweisung?” Sven ließ den Blick schweifen und sah, wie Lydia erneut zu kichern anfing, ohne ihn dabei anzuschauen, woraufhin Hermann erneut in Grunzen verfiel.
“Jetzt sag doch auch mal was, Lydia! Die Briefe und das alles – wozu?”
“Sven!”, brüllte Schulz wütend, mit der Hand aud den Schreibtisch schlagend. “Das herauszufinden bedarf Zeit. Zeit, die wir dir geben können. Halt dich einfach an die Regeln und du wirst Antworten finden. Aber die Zeit läuft auch gegen dich. Du bist nicht umsonst hier. Ich wünsche dir einen erkenntnisreichen Aufenthalt. Und jetzt geh raus und schweig!”

I

Für endlose Zeit herrschte Stille in dem opulenten Saal. Keine Regung und kein Atmen. Keine Bewegungen. Nur die in ihrer Verbeugung erstarrten Jünger und die von Schulz angeführte Gruppe, die auf einem Podest stand, dass sich langsam aus dem Boden erhob. Schulz hatte seinen Jogginganzug gegen ein weißes Gewand eingetauscht, dessen Ende noch eben weit hinter ihm auf dem Beton zu seinen Füßen gelegen hatten das sich jetzt aber wallend mit ihm erhob und den Blick auf das Bild eines mit Rebensprossen gekrönten Löwenkopfes freigab, der in der Mitte von einem Holzstab durchstochen war. Mit geschlossenen Augen fuhr Schulz dem Himmel entgegen und seine Arme streckten sich langsam, bis er sie schließlich, kurz unter der Decke angelangt, entkräftet fallen ließ und sich ein vielstimmiges Summen erhob, dass zu einem dunklen Grollen anschwoll.

„Ach du Scheiße, Peter. Das ist doch Lydia.“ Svens Stimme verklang in der düsteren Tonalität des Chors der Jünger, doch von einem Moment auf den anderen verstummte der Saal und schuf Platz für ein entsetztes Flüstern. Schulz Augen waren weit aufgerissen und mit zitterndem Arm zeigte er auf Sven. „Du wagst es in meinen Tempel zu kommen und die heilige Ruhe zu stören, wagst es, mich bloßzustellen und diese Stätte der Erleuchtung mit deinem Frevel zu beschmutzen. Wer bist du mich herauszufordern und mich in meinem Haus zu betrügen. Einen Platz der Einsicht mit Geschwafel zu entweihen. Haltet ihn. Fasst ihn und bringt ihn zu mir.“

Einige Männer und Frauen lösten sich aus der Masse und kamen aus allen Richtungen auf Sven zu. Hilfe suchend blickte er sich nach Peter um, doch der stand einige Meter entfernt und nickte ihm nur aufmunternd zu. Mit dem Achseln zuckend ergab sich Sven seinem Schicksal, streckte die Arme aus und ließ sich gleichgültig durch die Menschenmenge führen, die sich, wie durch unsichtbare Hand geleitet, vor ihnen öffnete und eine schmale Gasse bildete. In den Gesichtern der Jünger erkannte Sven die unterschiedlichsten Emotionen, die sich im Widerstreit miteinander befanden und die er nur schwer einordnen konnte. Ein junger Mann sah ihn hasserfüllt und mit zusammengekniffenen Zähnen an, während ihn eine ältere Frau voller Liebe zulächelte. Auf dem kurzen Weg wurde Sven angebellt, bespuckt, gestreichelt und geküsst und als er schließlich direkt vor Schulz stand, meinte er zu erkennen, dass auch Schulz ihn anlächelte, bevor er Sven kurz darauf ins Gesicht schlug.

„Unsere heutige allabendliche Andacht ist bis auf weiteres vertagt. Es tut mir leid. Ich habe keine Worte dafür, wie sehr ich diesen Vorfall bedauere. Es wäre ein ganz besonderer Abend geworden. Kunst und Liebe. Und noch einmal: Es tut mir leid. Man sollte die Demut besitzen sich die eigenen Fehler und die Fehler anderer einzugestehen.“ Bei diesen Worten musterte er den zu seinen Füßen liegenden Sven für alle sichtbar. „Vielleicht ist es die Empathie, die mich anfällig gemacht hat für Sentimentalität, doch ich bereue diese Schwäche und werde auch unseren Neuankömmling hier mit strenger Hand erziehen, wie auch ihr von mir erzogen wurdet. Und nun geht bitte und denkt über meine Worte nach.“

Bedächtig löste sich die Versammlung auf und die noch eben von Liebe und Hass entstellten Gesichter waren von jeglichem Gefühl befreit und fixierten nun wieder einen Bereich außerhalb des äußeren Scheins. Fasziniert beobachtete Sven das Schauspiel während er von einem Mann und einer Frau am Arm gepackt und durch die Gänge geschoben wurde. Er vergaß dabei den Schmerz in seinem Gesicht und das Blut, das nun aufs Neue aus seiner Nase lief. Als er über den alten Schulz nachdachte, fing er an zu lachen und der Anfall steigerte sich in absurde Höhen, bis er nicht mehr gehen konnte und Angst bekam, das dies sein Ende sei. Tod durch Ersticken kurz vor der Exekution durch einen alten Dorfkneiper, der durch Geschick und Leberzirrhose zum diktatorischen Führer einer aufstrebenden Sekte wirtschaftlicher Eliten in einem winzigen Dorf am östlichen Arsch Deutschlands aufgestiegen ist. Mit schmerzverzerrtem Gesicht hielt sich Sven seinen Magenund rang verzweifelt nach Luft. Das Blut floß stoßweise auf den Boden und spritzte übermütig auf die Kunstwerke und die Psalmen an den Wänden. Die neben Sven einhergehende Frau sah sich erschrocken um, erkannte den in einem Seitengang stehenden Schulz und wechselte hastig einige Worte mit ihm.
„Sehr gut, sehr gut. Sein Aufstieg hat begonnen.“
„Meister wollen sie sagen, dass dies von Anfang an ihr Plan war?“
In Gedanken versunken stand Schulz vor Ihnen, bis er schließlich lächelnd erwiderte
„Aber natürlich. Bringt ihn sofort auf mein Zimmer.“

Wortlos wurde der immer noch lachende, kreischende und japsende Sven an den Schultern gepackt und vor Schulz’ Zimmer abgesetzt. Als er die Tür mit hochrotem Kopf öffnete, erwarteten ihn bereits Schulz, Herrmann und Lydia.

XV

“Herrmann, du dumme Sau!” Schulz’ Stimme dröhnte durch die Lautsprecher im Korridor. Ein furchterregendes Stöhnen folgte, einem gepeinigten Monster gleich. Daraufhin eine Frauenstimme: “Meister! Das Mikrofon ist noch an.” Und dann ein “Verdammte Scheiße!”, als die Durchsage abrupt verklang.

Sven und Peter nahmen Platz im opulenten Speisesaal, nachdem sie sich ohne weitere Vorkommnisse in ihrem Zimmer etwas frisch machten. Auf Peters Aussage, dass dies schon ein komischer Laden sei, reagierte Sven erst jetzt, eine halbe Stunde später: “Das ist schon echt ein komischer Laden.”, sagte er, aber Peter winkte desinteressiert ab. Er deutete stattdessen auf die Briefe in Svens Hosentasche.
“Na, willste sie nich öffnen?”
“Nee, das bringt nur wieder Unglück. Ich versteh nich, wie die hierher gekommen sind. Alter, da steht sogar als Empfänger mein Name drauf. Wie geht denn das?”
“Komm, mach schon auf. Das nennt sich Schicksal.”
Am gegenüberliegenden Tisch bemerkte Sven eine hagere Frau mit hohlen Augen, die ihn ansah wie ein weidendes Schaf, während sie emotionslos auf einem Salatblatt herumkaute.
“Okay, einen mach ich auf. Den anderen erstmal nicht. Aber welchen? Lass uns ne Münze werfen. Hast du eine dabei?”
Peter kramte unter Anstrengung eine Kupfermünze aus seiner Gesäßtasche an seiner zum Bersten gespannten Hose.
“Kopf, den grauen, Zahl, den weißen Umschlag. Kopf oder Zahl?”
“Zahl!”, sagte Sven und schmiss die Münze nach oben.

H: “Müssen wir wegen der ganzen Sache nicht erst den Chef um Erlaubnis bitten?”
D verärgert: “Halt doch’s Maul, du Möchtegern-Herkules. Was meinst du, warum wir uns ausgerechnet an diesem Ort zusammenfinden? Weil er nichts, aber auch gar nichts von unseren Plänen erfahren soll!”
H: “Aber das Menschenprojekt beenden ohne sein Wissen? Wie soll das gehen?”
Plötzlich veränderte sich die Atmosphäre der dimensionslosen Kneipe. Die Decke riss auf und gab den Blick frei auf einen pechschwarzen, sternlosen Himmel, oder ein Loch im Raum-Zeit-Gefüge oder irgendetwas anderes Unerklärliches.
H: “Scheiße, was ist denn jetzt los?”
Violette Blitze durchzuckten lautlos das schwarze Nichts. Hannes tippelte nervös mit den Fingern auf dem Tresen herum. Pan und Dionysos sahen besorgt dem entgegen, was sich dort anbraute. Mo zapfte unentwegt Bier, aber nicht mehr in Gläser, sondern auf den Fußboden. Ein leichtes Grollen wurde hörbar.
P zu D: “Er kommt.”
D: “Scheiße! Wie zum Teufel hat er uns gefunden?” Panisch zu den Halbgöttern: “Verkriecht euch, schnell. Wenn er euch hier sieht, seid ihr geliefert.”
Ein Blitzschlag krachte mit ohrenbetäubendem Lärm ins Fragile Säuferglück, das sich mehr und mehr auflöste.

Sehnte sich auch einst ein sterbliches Wesen
Nach seiner zerstörerischen Macht der Gewitter
Ward er bestraft, doch sei’s drum gewesen
Die Erde erschüttert
Gegner zersplittert
Jugend verwittert
Alles erzittert
Vor Zeus, dem Zerficker

“Zahl!” Sven nahm den weißen Umschlag und öffnete ihn vorsichtig. Im selben Moment betraten Schulz, Herrmann und eine rothaarige Frau den Saal, während sich seine Jünger erhoben und ehrerbietend verbeugten.
“Was steht drin?”, drängte Peter.
Sven überflog, während er mit seinen Augen gebannt dem seltsamen Trio folgte. “Ihre persönlichen Zugangsdaten für das Jobcenter-Trainingsportal. Microsoft Office spielerisch lernen. Bei Nichtanwendung droht eine Kürzung Ihrer Sozialleistungen.”
Peter sah ihn lange Zeit nichtssagend an.
“Was für eine dumme Scheiße!”

XIV

H: „Jetzt aber sachte. Das Menschenprojekt wird eingestellt. Warum denn gleich so rabiat?“
D: „Nichts rabiat, konsequent. Die Menschen sind auf Irrwegen und wir sind die Erlöser all der verschenkten Leben.“
Die Biergläser häufen sich auf der Theke, doch Mo zapft unbeirrt weiter, den Blick auf seine Hände gerichtet.
P nachdenklich trinkend: „Mir solls recht sein, hab eh nie verstanden, warum wir den Scheiß gestartet haben aber dann ohne diesen schwülstigen Erlöserpathos.“
H: „Also eigentlich fand ich es immer ganz schön zwischen dem ganzen Pack. Man konnte sich ausleben und man selbst sein.“
P: Als ob du da jemals was anderes gemacht hast als hier. Nur das Säuferglück hieß eben Schmiedehammer.
Mo von seinen Händen aufschauend: „Fragiles.“
D: „Schnödes.“
P: „Lächerliches.“
H: „Penetrantes.“
D: „Was los Mo, noch nicht ganz sauber in der Birne?“
Mo: „Fragiles Säuferglück.“
D, P und H gleichzeitig aufatmend: „Ah.“
Mo: „Da muss man schon penibel sein. Wenn nicht da, wo dann?“
H: „Der alte Mo. Weiß immer, wie man eine Situation rettet.“
P: „Im Gegensatz zu dir.“
D: „Wie dem auch sei, mein Entschluss ist endgültig.“
H: „Aber…“
D: „Nichts aber.“
P: „Die Zeit ohne uns hat ihn weich gemacht.“
D: „Ohne mich.“
Die einsetzende Stille wird nur durch das beruhigende Plätschern des Biers in den sich unaufhörlich füllenden Gläsern unterbrochen.
D: „Mo, eifrig wie eh und je. Ohne zitternde Hände zapfts sich gleich viel leichter, was? Was macht eigentlich unser anderer Bote? Neuigkeiten?“
H kichernd: „Die fette Qualle folgt seinem Schatten auf Schritt und Tritt. Scheint seinen Partner fürs Leben gefunden zu haben und genießt seine Zeit in vollen Zügen.“
Mo irritiert seine Hände musternd: „Wenigstens einer macht, was er soll. Und jetzt Ruhe und trinkt.“
D, H und P leeren pflichtbewusst ihre Gläser.
D nach einiger Zeit: „Wir müssen ihn kontaktieren.“

„Eine Vision!“, Sven klang aufgeregt. „Peter, eine Vision und zack dein Leben sieht anders aus. Umgefallen, aufgestanden und alles so weitergemacht wie bisher, nur anders. Meinst du sowas kann mir auch passieren?“ Der Schlag kam ohne Ankündigung und traf Sven mitten im Gesicht. Lachend stand Peter neben Sven und beobachtete, wie der sich mit schmerzverzerrtem Gesicht die Nase hielt und mühsam auf die Beine kämpfte.
„Was zum Teufel?“
„Na na na. Übermut tut selten gut.“
„Und dann haust du mir einfach eine rein.“
„Für die Erleuchtung. Was machen die Visionen?“
Wütend wollte Sven davonstürmen. Er malte sich aus, wie Peter beschämt zurückblieb, sich immer aussichtsloser in den Windungen von Schulz’ Schloss verstrickte, bis ihm schließlich, in den tiefsten Katakomben Herrmann auflauerte und Peter so die Erkenntnis seines Irrtums ereilte. Doch gerade als er sich umdrehen wollte, sah er vor sich auf dem Boden zwei ungeöffnete Briefe. Triumphierend reckte er sie in die Höhe und rieb sie Peter ins Gesicht, während aus seiner Nase langsam das Blut rann. „Vom Arbeitsamt, vergessen und wiederentdeckt. Meine Vision und Erleuchtung.“
Angewidert schloss Peter die Augen. „Oh Mann, meine Erleuchtung das Arbeitsamt. Sag mal Sven, geht’s noch?”

Seite 1 von 712345...Letzte »