II

Sven wusste nicht was er machen sollte und fühlte sich überfordert. Er fuhr die Straße entlang, versuchte nichts zu denken und musste einsehen, dass auch das in gewissem Sinne wieder ein Gedanke war. Ein Vorhaben , überlegte er, auch wenn es unmöglich sein sollte oder erfolglos. Eine gescheiterte Handlung, die geplant ist aber nicht umgesetzt werden kann. Handlung ohne Aktion, die nur im Kopf vollzogen wird und deren Ausführung selbst dort scheitert. Und wieder ein Gedanke. Abrupt zog Sven die Bremse, schlitterte ein Stück auf der vom Frost überzogenen Straße und kam schließlich zum Stehen. Er befand sich mittlerweile auf einem kurzen Stück Feldweg, das die beiden Ortsteile des Dorfes verband. Um diese Uhrzeit gab es hier keine Menschen und alles was er in der Ferne erkannte, waren die vorbeiziehenden Scheinwerfer der Autos, die sich hinter der nächsten Kurve auflösten, und dann nach einer Weile durch Neue ersetzt wurden. Ein Stakkato von Licht und Dunkelheit und von Stille und Motoren. Sven schloss die Augen und konzentrierte sich auf die Geräusche des frühen Abends und hörte ein seltsames Rauschen, ein tiefes Summen, dass er immer bemerkte, wenn er im Wald war, oder auf dem Feld, oder Nachts im Dorf, und nichts um ihn herum geschah und alles ganz ruhig war. Es war kein Lärm von Fahrzeugen oder Fabriken, auch wenn es sich manchmal mit einem Klang vermischte, der dem lauten und schrillenden Schlagen eines riesigen Hammers auf Metall glich. Doch das Rauschen wurde dadurch nur intensiver. Sven wusste nicht ob es ein alltägliches Geräusch war, das jeder hören konnte der allein war und die Augen schloss oder ob es sein eigenes, sein persönliches Rauschen war. „Es ist immer da, aber nicht in mir“, überlegte er. „und in der Stadt höre ich es nicht. Und im Winter in den Bergen höre ich es nicht. Unter dem Schnee schweigt alles.“, dachte Sven „unter dem Schnee schweigt die Erde, die sonst rauscht.“ In diesem Moment tauchte auf der Landstraße ein LKW auf, hupte und durchschnitt die abendliche Luft. Svens Gedanken gerieten in Unordnung und plötzlich sah er Mo’s Gesicht in der Dunkelheit vor sich. Plastisch, durchsichtig und aus sich selbst strahlend, stand es körperlos in der Luft, bevor es wieder verschwand.

Es hatte mehr als eine Stunde gedauert, bis vor zwei Tagen endlich die Sirenen des Krankenwagens vor dem Schmiedehammer erklungen waren. Dreimal hatte Sven in der Notzentrale angerufen, bis er jemandem verständlich machen konnte, was er wollte und wo er war. Die ganze Zeit über hatte er fluchend auf dem kalten Küchenboden gesessen, hatte Mo’s Kopf in seinem Schoß gehalten und dabei dessen unerbittliches Fiepsen und Röcheln ertragen. Fast unverständlich, doch mit einem bittenden, fast flehendem Ton, der die Worte nur erahnen ließ und dann doch wieder unmissverständlich und klar „Lass ma… Lass ma… Is schon gut…“ Sven hatte nicht verstanden, warum ausgerechnet er Mo an diesem Abend finden musste, warum er ausgerechnet an diesem Abend ein zweites Mal in den Schmiedehammer gegangen war und doch schien es auch jetzt noch unvermeidlich. Als der Rettungsdienst in die Wohnung gekommen war, hatte es nach all der Zeit des Wartens und der sinnlosen und überstürzten Anrufe etwas Unwirkliches und fast hätte Sven vergessen, dass Mo’s Kopf immer noch auf seinen Beinen lag. Die beiden Notärzte hatten sich so ähnlich gesehen, dass Sven sie, auch wenn er sich bemühte und argwöhnisch die Augen zusammen kniff, nicht unterscheiden konnte. Beide waren groß, mit langen Gesichtern und spitzem Kinn aus denen unregelmäßig einige Haare sprossen. Hellblaue Augen und über ihrer rechten Braue, fast parallel eine rötliche Narbe. Abwechselnd hatten sie Sven einige Fragen gestellt, doch Ihre Stimmen waren identisch, so dass er nie gewusste hatte, wer gerade sprach und beinahe hatte es geklungen, als redeten sie zur gleichen Zeit und das Ende der einen Frage akzentuierte nur den Beginn der nächsten. Sven erinnerte sich nur undeutlich an das Gespräch, das halb im Verborgenen lag, und ihm auch jetzt mit einigem Abstand und in seiner Undeutlichkeit seltsam und bizarr vorkam. „Ihr Freund hier ist der Besitzer der Bar?“ „Seit wann?“ „Hatte er in seiner Jugend jemals Nasenbluten?“ „Und Haarausfall?“ „Geschlechtsreife in welchem Alter?“ „Häufigkeit der sexuellen Aktivität?“ „Und bei Ihnen?“ Verständnislos hatte Sven sie angestarrt und sie angefleht Mo zu helfen und schließlich versucht ihnen etwas von Mo’s Worten mitzuteilen, von Gestalten die Mo manchmal sah und davon, dass Mo vielleicht nicht mehr leben wollte. „Selbstmord? Haben Sie ihn umgebracht? Nur Spaß.“, oder etwas Ähnliches war ihre Antwort und Sven hatte nur noch wütender gestottert und ihnen Mo’s Satzfetzen zusammenhanglos entgegengeworfen bis sie Sven mit übertriebenen, weit ausholenden Gesten und zugespitzten Gesichtszügen ihre Hände auf die Schulter gelegt, ihm ein paar Tabletten in die Hand gedrückt und zu einem Stuhl geführt hatten. „Wie zwei Schauspieler aus einem frühen Stummfilm bei denen jede Handlung wirkte wie Ihre eigene Parodie“, musste Sven jetzt denken. „Hören Sie“, hatten die beiden gesagt und ihre Worten hallten in Sven Ohren noch immer wider wie ein Echo. „Ihr Freund hier ist tot und das wahrscheinlich schon seit ner ganzen Weile. Nehmen Sie die erst mal, dann geht’s Ihnen schon besser und dann fahren wir Sie nach Hause. Und jetzt entspannen Sie sich erst mal. Sind ja ganz blass im Gesicht. Kein Wunder. Die Nerven. Die Nerven.“ Sven erinnerte sich nicht, was danach geschehen war. Irgendwann hatte er sich in seiner Wohnung sitzend wiedergefunden, neben ihm nichts als das beruhigende auf und ab von Peters Schnarchen, welches wie schon fast üblich die Zimmer von Svens Wohnung ausgefüllt und ihm die Zeit bis zum Morgen vertrieben hatte, als er im lokalen Radiosender erneut von Mo’s Tod erfahren hatte.

I

Sven blickte müde auf den Laptop-Kalender. Er starrte eine Weile leeren Blickes darauf und plötzlich riss es ihn aus dem Gedankenvakuum. Er war abgeschweift. Erneut versuchte er, sich auf das heutige Datum zu konzentrieren und dann fiel es ihm ein. Er wollte seine Mutter besuchen, mit dem Fahrrad, denn er hatte kein Auto, wozu auch, hier im Dorf, wo alles übersichtlich und fußläufig erreichbar ist; und überhaupt zu teuer.

Es dämmerte schon wieder draußen, obwohl es erst kurz nach 16 Uhr war. “Ach, gestern wurde auf Winterzeit umgestellt”, fiel ihm ein und so machte er sich alsbald auf zu seinem Elternhaus. Die Luft war kühl und der Fahrtwind ließ seine Hände unangenehm kalt werden, aber noch nicht so, dass es schmerzte. Es deutete alles auf einen frühen Wintereinbruch hin, der wohl zur Weihnachtszeit, in der es, seiner Meinung nach, kalt sein sollte, längst wieder abgeklungen sein wird. Kurz darauf erreichte er das Haus und sah seine Mutter in der Küche an der Spüle stehen, die zur Straßenseite gerichtet lag. Sie erwiderte seinen Blick mit einer Art vorbereiteter Vorfreude, die sogleich einer vorwurfsvoll-enttäuschten Grimasse wich, die Sven nur zu gut kannte. Wissend, mit welchen Worten er empfangen würde, öffnete er die Haustür und sah seine Mutter auf ihn zugehen.
“Junge, hast du immer noch kein Licht?”
“Och, Mutter. Das Thema hatten wir doch schon tausendmal. Ich hab gute Augen.”
“Ja, aber andere Leute vielleicht nicht. Und dann liegst du eines Tages unter irgendeinem Auto und denkst an meine Worte.”
“Als ob ich ausgerechnet dann an deine Worte denken würde… Außerdem hab ich das voll im Griff. An Kreuzungen und Seitenstraßen fahr ich langsamer und halte lieber an, wenn ein Auto von der Seite kommt und der Fahrer mir den Blickkontakt verwehrt. Manchmal bremsen die dann abrupt ab, fahren dann ein Stück neben mir her, lassen das Fenster runter und brüllen irgendwas wie: “Kein Licht, du Arschloch!” oder einfach “Licht!”; und ich denk nur: “Seid ihr eigentlich total bescheuert? Muss ich mir von so einem fetten, alten Bonzen sagen lassen, der in seiner Uralt-Mercedes-Drecksschleuder seit Jahrzehnten ungestraft den Planeten verpestet, dass ich Licht an meinem Fahrrad haben soll? Nur weil sich der blöde Spacko beim Bremsen erschrocken hat? Und was soll immer dieses ‘Licht’, ‘Licht’? Sind die Wichser blind? Hätte ich Licht am Fahrrad, würde ich es ja anmachen. Aber ein ordentliches Fahrradlicht ist teuer. Wenn du son Billigding mit kaufst, kannste ja jeden Tag Batterien wechseln und bezahlst dich nachher dumm und dämlich.”
Sven sah die glasigen Augen seiner Mutter und hielt inne. Mit weinerlicher Stimme sagte sie:
“Nun komm doch erstmal in die Stube.”
Svens Mutter brachte Kaffee und Kuchen und beide setzten sich an den Esstisch.
“Wie geht’s dir so, Mutter?”
“Ach, wie soll’s mir schon gehen? Alles gut, Junge. Hast du mittlerweile Arbeit gefunden.”
Sven versuchte mit aller Kraft, seine empörte Standardausrede zu vermeiden, die gewöhnlich bei dieser Frage aus ihm herausbrach. Stattdessen sagte er ruhig: “ Ich muss diese Woche noch zum Arbeitsamt. Vielleicht ergibt sich irgendwas.”
Du weißt, du kannst jederzeit wieder zu mir ziehen. Dann sparst du dir die Miete.”
“Ich weiß, Mutter, danke, aber wir hatten das Thema. Ich möchte alleine wohnen.”
Wortlos nippten beide an ihren Tassen und aßen ihren Kuchen auf.
“Nimm noch einen Lebkuchen, Sven.”
“Wohl eher Stirbkuchen, bei all dem Zucker”, dachte Sven und verfluchte seine Gedanken.
Wozu über den vielen Zucker meckern, der überall drin ist, wozu seine Mutter damit behelligen, warum überhaupt mir ihr reden, sie versteht ja doch nichts. Dieses kleinbürgerliche Leben, Selbstgefälligkeit. Darin sind sie und das Dorf versunken und daran wird hier einmal alles zugrunde gehen. Internet als Ausweg und gleichzeitig Tor zur Hölle. Wäre dieses Tor nur verschlossen geblieben oder an mir vorbeigegangen. Ich wünschte meine Geburt in einer anderen… ach, was soll’s.
“Hast du von der Sache im Schmiedehammer gehört? Der Barkeeper soll doch verstorben sein.”
Sven sprang von seinem Stuhl auf. “Keine Ahnung. Ich muss dann auch mal wieder. Bis nächste Woche. Und danke für den Kuchen.”

Sven schwang sich auf sein Fahrrad und radelte schnurstracks davon. Seine Augen wurden feucht, sei es durch den Fahrtwind oder die Gedanken an vorgestern Nacht. Er fuhr mitten auf der Straße, um die Autofahrer oder irgendjemanden zu provozieren, sodass man ihn anbrüllen möge und er zurückschreien könne, rausschreien, was schon viel zu lange in ihm rumorte, aber niemand tat ihm den Gefallen, böse auf ihn zu sein.

X

Bald war das Licht des Schmiedehammers nur ein verblassender Schimmer. Dunkelheit und Nacht senkten sich von allen Seiten auf Sven hinab und mit der Schwärze kehrten die Gedanken wieder, die nichts Schweres mehr in sich trugen aber jetzt noch dringender schienen als zuvor. Verzweifelt kämpfte er mit dem inneren Widerwillen zu jeder Art von menschlichen Kontakt und der Gewissheit um die Aussichtslosigkeit einer Konfrontation mit den unausweichlichen Fragen. „Warum Mo?“, dachte Sven „Und warum jetzt.“ Sven stand im Wald und hörte, wie der Wind durch die Spitzen der Bäume und das trockene Gras einer nahen Lichtung wehte. Der Ruf eines Vogels, vielleicht einer Eule und das Bedauern, die Stimmen der Vögel und die Namen der Bäume nicht mehr zu kennen. „Degeneration der Sprache.“, dachte Sven. „Alles was ich sagen kann, ist: Der Ruf eines Vogels in den nahen Bäumen. Mit der Natur verlieren wir die Sprache und dann die Zivilisation. Devolution des Homo Sapiens Sapiens, der nichts mehr erkennt und wieder zu grunzen beginnt. Hardware, Software, Twitter, Facebook, Snapchat, Tumblr.“ „Degeneration der Sprache“, überlegte Sven wieder. „Es war einmal eine Lerche, die in Zedern schlief.“

Svens Füße waren mittlerweile kalt und er zitterte leicht. Als er das Haus verlassen hatte, war er nur in die Schlappen geschlüpft, in denen er sonst den Müll rausbrachte. Er meinte Tau auf seinen Zehen zu spüren und wusste nicht wie lange er noch so dastehen würde. Er wollte nach Hause und in sein Bett und fürchtete sich vor Peters massigem Körper in seinem Badezimmer, wie er sich in letzter Zeit überhaupt vor Peter fürchtete. Peter der Allwissende, das Orakel und der Mörder, der ihm mit seiner Einwilligung nach dem Leben trachten würde. Abwärtsspiralen und Erlösung und ein atheistischer Märtyrer, der auf das Paradies hoffte. Sven schüttelte sich, wusste, dass der Kater an seinen Nerven zehrte und dass dem Übermut, wie immer die Angst folgte. „Los nach Hause.“, rief Sven und der Vogel und der Wind verstummten. Er wusste, dass es am besten wäre, endlich zu gehen und doch schien ihm der Gedanke unmöglich, am Morgen oder gegen Mittag aufzustehen, sich zu waschen, Zähne zu putzen, Frühstück zu essen, zum Arbeitsamt zu gehen, weiter zu leben. Der Alltag war ihm eine angenehme Routine und doch schien sie ihm in diesem Augenblick als skurrile Absurdität, die es zu analysieren galt, bis er hinter der Fassade ein nagendes Mysterium erkannte oder sie einfach ganz verschwand.

Alle Rationalität verflüchtigte sich und es schien Sven, als wäre etwas Wichtiges verloren, wenn er sich in diesem Moment nicht umdrehte und zum Schmiedehammer zurückkehrte. Ein physischer Zwang, der zwischen Brustkorb und Bauch zu lokalisieren war, der sich ausdehnte und kribbelte und drückte und stach und nicht platzte bis er Mo sah, der ihm dann alles erklären würde. Alles. „Alles.“, dachte Sven und seine Gedanken machten ihn traurig. Er fühlte sich lächerlich, stand im Wald, drehte sich um, und machte sich endlich wieder auf den Weg zu Mo. Die Kneipentür war nur angelehnt und aus dem Treppenaufgang zu Mos Wohnung, drang nur ein Geruch, wie alte Häuser oder alte Menschen. „Mo“, rief Sven, doch niemand antwortete ihm. Er bereute jetzt, dass er wieder hier war und fühlte sich allein in dem dunklen Gastraum, in dem nur ein altes Neoschild einsam summte. „Mo“, rief Sven noch einmal, zapfte sich ein Bier, zündete sich eine Zigarette und ging langsam die Treppe zu Mo’s Wohnung hinauf. Aus der Küche drang Licht und Sven sagte jetzt etwas leiser: „Hi Mo, sorry, vielleicht schläfst du schon. Du das ist jetzt ne echt doofe Idee aber ich dachte, vielleicht kann ich mal mit dir reden. Ach Scheiße, jetzt ist es ja auch schon 4. So ne Kacke, also wahrscheinlich bist du noch nicht wach oder nicht mehr auf und überhaupt, naja… also… eigentlich dachte ich das ist ne gute idee, also auch irgendwie ne doofe. Aber, ich weiß auch nicht.“ In der Küchentür blieb Sven erschrocken stehen. Das Glas und die Zigarette fielen ihm aus der Hand und er schrie:“Mo, Mo, Mo. Scheiße nochmal, Mo, Mo. Scheiße, Scheiße, Scheiße.“ Mo lag ausgestreckt auf dem Rücken und hielt sich eine Hand auf die Brust gepresst. Seine Augen waren weit aufgerissen, seine Gesichtszüge starr und angespannt. Aus seinem offenen Mund lief Speichel und seine Hose war nass. Sven rannte zu Mo und begann wild und unregelmäßig auf seine Brust zu drücken und versuchte ihn auf eine Seite zu drehen. „Mo verdammt, Mo verdammt, Mo, Mo, Mo….“ Verzweifelt durchsuchte er seine Taschen nach seinem Handy, ließ es fallen und wählte die erstbeste Nummer, die ihm einfiel. Nach zweimaligen Klingeln hörte er die Stimme einer jungen Frau: „Schönen guten Morgen. Dies ist die Auskunft der deutschen Telekom, wie kann ich Ihnen…“ „Peter, Peter“, brüllte Sven „Peter, Mo ist krank, oder bewusstlos oder tot. Krankenwagen, Verdammte Scheiße. Peter, wir brauchen, nen Krankenwagen für Mo.“ „Die Nummer der örtlichen Ambulanz ist die 112. Vielen Dank für Ihren Anruf und einen angenehmen Tag.“ „Verdammte Scheiße“, dachte Sven. Und dann noch einmal „Verdammte Scheiße, die Alte war durchgeknallt oder gut.“ Mit zitternden Fingern wählte er die genannte Telefonnummer und stammelte Wortfetzen in das Telefon., als neben ihm, ein Röcheln und leises Stöhnen erklang. „Mo, Mo, Mo, alles klar, man, alles klar? Scheiße, ich ruf dir nen Krankenwagen.“ „Lass, lass“, hustete Mo. „Bringt… Bringt doch Nichts. Mir reichts.“ Sven legte das Ohr dicht an Mo’s Mund. „Mir reichts.“, fiepste Mo in einem langgezogenen, hohen Ton „Man Sven, manchmal….. sehe ich so Menschen….. Mann…… und Frau zusammen……Wie Menschen….. Wie richtige Menschen stehen die da……. Doch die bewegen sich nicht……. Sind keine Geister…. richtige Menschen wie wir…… doch rühren sich nicht…… Stehen da, wie Gedanken……. und gucken. Und wie die gucken…… weiß ich…….. dass die keine…… Menschen sind. Haben so… nen Blick… und der Blick weiß alles. Keiner sieht die…. doch ich sehe die manchmal….. zwischen uns. Reden die ganze Zeit… und ich weiß, die wissen alles….. aber ich verstehe sie nicht…. niemals…. nur krächzen…. und krächzen. Und neulich…… hab ich was verstanden. Die haben gesagt…. ist gut Mo….. ist gut…. ist nur ne Geschichte…. von vielen.“ Sven hielt Mo’s Hand in seiner, hatte die Augen geschlossen und lauschte dem Krächzen, dass unaufhaltsam aus Mo’s Kehle quoll, versuchte etwas zu verstehen, doch verstand nichts. „Ist schon gut Mo.“, wiederholte er immer wieder, saß vor dem offenen Kühlschrank und wartete.

IX

Was für eine schwachsinnige Idee. Jetzt noch zu Mo. Da ist doch eh keiner mehr. Sven war angestachelt von der Tatsache, dass er zu dieser späten Stunde nochmals rausging. Es widersprach seinem Wesen. Noch nie war er zweimal in einer Nacht im Schmiedehammer und noch nie hatte er sich dazu überwunden, einen derartigen Aufwand zu betreiben, um jemanden wegen einiger kaum relevanter Fragen bezüglich Arbeitsamt und griechischer Gottheiten zu behelligen. Doch er war sich sicher, dass die Begegnung Antworten parat hielt, die ihm von großem Nutzen sein würden. Feuer und Ekstase. Nicht gerade Begriffe, die man mit ihm in Verbindung bringen würde.

Ignoriere den Drachen
Erschlag zuerst die Wachen

Der Geruch von etwas Schönem in seiner Nase. Wovon? Jetzt mache ich mir mal ernsthaft Gedanken darüber. Von Bäumen. Wie geschnitten Bäume, Baumstämme. Baumstümpfe? Nasses Holz. Aber nichts Totes konnte so schön riechen. Oder sich im Tode Befindliches. Der Wald lebt, und so der Baum mit seinen Wurzeln.

Mystischer Leichtsinn
Quell der Gedanken
Im Unterholz ranken
schwankende Träume
still vor sich hin.

Wie am Ende, so zu Beginn
Menschen sich zanken
Die gesunden und kranken
Tief rankende Bäume
Pan, oh sieh, wer ich wirklich bin

Harz! Ja, das Baumblut. Es duftet nach Unsterblichkeit, aber wie kann das sein? Harz riecht gut, Hartz IV stinkt. Warum wollte er ausgerechnet mit Mo über solche Dinge sprechen? Er mochte den Umgang mit Menschen im Allgemeinen nicht sonderlich, aber Mo? Noch nie hatte er sich mehr als zwei Sätze allein mit ihm unterhalten. Immer nur im Schmiedehammer, mit anderen; und wenn Peter mal aufs Klo ging und er alleine mit Mo zurückblieb – kein Wort oder nur etwas völlig Belangloses. Er war kein Typ für diese Bargespräche wie sie andere führen konnten, z. B. Hannes oder Stammgäste, die sich mir nichts dir nichts an den Tresen setzen, eine Zigarette anzünden und stundenlang den Barkeeper mit ihren Lebensgeschichten bedienen. Die Hauptaufgabe eines Barkeepers ist wohl, diesen Geschichten zuzuhören und den Eindruck zu vermitteln, dass man versteht, was der andere meint und das Gespräch am Laufen zu halten. Wie man das glaubwürdig anstellt, war Sven ein Rätsel.

Übe Rache an seinen Gesandten
Geh über die Leichen seiner Verwandten

Sven verließ den Waldweg und erreichte die Straße zum Schmiedehammer. Von weitem sah er Licht in der Küche brennen. Er atmete tief durch. Blöde Idee. Die Tür war geöffnet, kein Gast mehr da. “Mo?”, rief er vorsichtig. Keine Antwort. Er wusste, dass Mo im ersten Stock des Gebäudes wohnte und blickte die Treppe herauf. “Mo?” Wirklich eine saudämliche Idee. Als er die ersten Schritte hinauf zu Mos Wohnung tat, hörte er ein lautes Poltern aus der Küche. “Scheiße!”, murmelte Sven und stürzte so schnell es ging die Treppe herunter zur Tür hinaus.

Mach auch vor seinen Kindern nicht Halt
Tu wie befohlen, Erlösung kommt bald.

VIII

Sven saß auf seinem Sofa und rauchte, schaute aus dem Fenster und versuchte sich auf die Dunkelheit zu konzentrieren. Dunkelheit und Nacht und kein Mond und keine Sterne. Schnee der alles unter sich begräbt. Zäune und Laternen und Häuser, die Landschaft und die Welt. Ein Sommerabend. Musik und Stimmen. Frühlingssüße in der Luft. Gesang und warmes Gras unter dem Rücken. Sich kreisende Sterne und sich kreisende Welt. Ein Gefühl von Glück, dass zu schwer ist um aufzustehen und das Versprechen, dass die Erde sich morgen nicht mehr bewegt und alles stillsteht. Wie können wir die Zeit anhalten, wenn alles relativ ist. Wann wache ich auf und wo werde ich dann sein?

Sven schüttelte sich. Die Zigarette in seiner Hand war fast vollständig herunter gebrannt und der Ascheturm drohte jeden Moment in sich zusammenzufallen. Er hasste es, wenn jemand in seiner Wohnung rauchte, hasste den Gestank in seinen Kleidern und an seinen Möbeln, der in jede Ritze zu kriechen schien, der sich auch in die Schränke schob, der allgegenwärtig war und sich überall hinbewegte nur nicht aus seiner Wohnung hinaus. Ihm grauste bei dem Gedanken daran, seine Laufkleidung anzuziehen und den kalten Rauch einatmen zu müssen. Es würde einige Kilometer dauern, bis der Geruch der frischen Luft des Waldes wich und er endlich wieder klar atmen und klar denken konnte. Und dann wieder in die Wohnung. Kalter Rauch. „Scheiß drauf, jetzt ist es auch zu spät“, dachte Sven. „Vielleicht sollte ich die Wohnung gleich ganz abfackeln. Kabelbrand und dann Versicherungsfall.“ Die Asche war mittlerweile auf Svens Hose gefallen. Angewidert blies er sie von sich. „Wenn man nur für oder gegen, so etwas versichert wäre. Ja was eigentlich.“, überlegte Sven. „Für oder gegen. Pro oder Contra. Versicherung oder Antiversicherung. Und selbst dann wenn diese Frage einmal geklärt ist, weiß man immer noch nicht wie man so etwas genau anstellt. Erklärungen, Briefe über Briefe, Behördengänge, die Suche nach einer neuen Wohnung, mehr Behördengänge…“ Sven bekam Angst und erleichtert stellte er fest, dass ihm dies alles erspart bliebe, wenn er nur nicht seine Wohnung in Brand setzte. „Nur nicht in Brand setzten. Nur nicht mehr Behördengänge.“, wiederholte er wie ein Mantra. „Feuer. Brand. Asche.“, dachte Sven. Er rannte in die Küche, suchte verzweifelt nach einem Kehrblech, fand es und machte sich eilig daran die Asche auf dem Teppichboden zusammenzufegen. Als er sich der Aussichtslosigkeit seines Vorhabens bewusst wurde, entschied er ins Badezimmer zu gehen, ein Wasserglas zu holen und es vorsorglich über den Wohnzimmerboden zu vergießen. Er öffnete die Tür und hörte ein Schnarchen, monströse Geräusche, zusammenhanglose Gesprächsfetzen und sah Peter, der zusammengerollt in seiner Badewanne lag. Wie ein fettes Walross, dachte Sven und schämte sich ein wenig. Fast hatte er vergessen, dass sie beide zusammen von Mo hierhergekommen waren. Sven fragte sich, warum Peter eigentlich nicht mehr zu sich nach Hause ging und warum er nicht auf der Couch oder in seinem Bett oder zumindest auf dem Fußboden schlief.

„Nana, mach dir mal keine Sorgen. Alles halb so schlimm. Ist nur der Alkohol. Sind nur die Nerven.“, nuschelte Peter vor sich hin.

„Sag mal Peter, schläfst du bei dir zu Hause auch in der Badewanne?“

Doch Sven bekam keine Antwort. Peter grunzte und rollte sich umständlich von einer Seite auf die Andere. Resigniert füllte Sven ein Wasserglas, trank die Hälfte, und kippte die andere über die Asche im Wohnzimmer. Müde setzte er sich wieder auf das Sofa, verrieb das Wasser mit seinen Füßen und zündete sich noch eine Zigarette an. Es war 2 Uhr und Sven musste an den Brief vom Arbeitsamt denken. Als sie vorhin nach Hause gekommen waren, hatte er im Internet nach dem Namen Lydia gesucht. Lydia, Bewohnerin Lydiens. Lydien Geburtsort des Dionysos. Die Mänaden, dem Wahnsinn verfallen, die ihren eigenen Sohn zerreißen, der Dionysos verhöhnte. Wahnsinn und Ekstase und Rausch. Die biblische Lydia, die als erste Person auf europäischen Boden, den christlichen Glauben annahm. „Wahnsinn oder Gottesfurcht.“, dachte Sven. „Keuschheit oder Ekstase.“ Sven drückte seine Zigarette aus, nahm seine Jacke und trat hinaus in die kalte Nacht. Kein Schnee. Keine Sommersüße. Hundegebell und rauchige Luft. „Vielleicht nochmal kurz zu Mo.“, dachte Sven. „Vielleicht hat Mo Facebook und wir können nach ner Lydia suchen, die beim Amt arbeitet. Und überhaupt Mo kann mir bestimmt weiterhelfen. Der scheint sich ja auszukennen mit dem Amt. Und wenn er kein Facebook hat, mach ich ihm ne Fanseite und dann finden wir die bestimmt.“ Sven beschleunigte seinen Schritt. „Dionysos.“, überlegte er. „Am besten ich frag Mo auch mal nach Dionysos.“

VII

Mo rieb sich die Augen und ging schweren Schrittes zum Tresen. “Ihr zwei habt mir gerade noch gefehlt. Von was für einem Brief faselst du? Guck doch in der Jacke, die du hier gestern vergessen hast.”
“Oh! Ach ja!”, sagte Sven und langte nach der Jacke an der Garderobe.
“Na, ihr Hübschen, warf Hannes ein. Wieder in baller gewesen gestern?”
“Naturellement, rief Peter selbstgefällig. Wir sind nur unserer wochenendlichen Pflicht nachgekommen. Saufen und nach Hause laufen.”
“Spinner! Und wie läuft die Arbeitssuche?” Hannes lachte.
“Ja, muss, wieso, nee, ach, frag lieber Sven. Das Thema Arbeitsamt zieht sich zurzeit wie ein roter Faden durch seinen Alltag.” Peter konnte nicht anders, als das Wort “rot” besonders stark zu betonen.
“Na dann, wie sieht’s aus Sveni?”
Sven, der sämtliche Koseformen seines Namens hasste, reagierte nicht.
“Sven!”, stieß Peter ihn in die Rippen.
“Hä, was soll die Scheiße?” Er musterte ungläubig den Brief vom Arbeitsamt, den er unter dem Tresen versteckt hielt. “Verdammt, hatte ich fast vergessen.”
“Was isn das?”, fragte Hannes und beugte sich weit über die Bar, um einen Blick zu erhaschen.
“Los, mach auf!”, sagte Peter.

Mo stellte zwei Bier auf den Tresen und blickte ebenfalls gespannt auf den grauen Kuvert aus recyceltem Altpapier, den er nur zu gut kannte.
“Hö!”, lachte er höhnisch auf. “Das kann ja nichts Gutes sein. Mir habense neulich das Arbeitslosengeld gekürzt, die Schweine. Weil ich die Meldepflicht vernachlässigt habe oder so.”
“Du bist arbeitslos?”, erklang es aus drei durstigen Kehlen gleichzeitig. Darauf eine seltsame Schweigepause und dann Gelächter.
“Mo”, stotterte Peter unter Lachen, “bist du freiwillig hier?”
“Freiwilliges Gastronomisches Jahr”, fügte Hannes hinzu und alle waren nicht mehr einzukriegen.
“Ich bin auf Aufaffer, ihr Stocken. Äh… Aufstocker, ihr Affen.”
“Aufaffer!”, grölten die drei, während Peter und Hannes sich festhalten mussten, um nicht vom Barhocker zu kippen.

Nachdem das Lachgewitter langsam abgeklungen war, fragte Hannes, sich stark zusammenreißend: “Was ist denn ein Aufstocker?”
“Das ist, wenn man arbeitet, der ganze Scheiß aber nicht zum Leben reicht und man sich den Rest beim Amt erbetteln muss.”, entgegnete Mo humorlos.
Eine ernüchternde Pause folgte und auf einmal war es so still im Schmiedehammer, das die Stille unsere Helden vollends einnahm. Gedankenverloren starrten sie vor sich hin, geistesabwesend, betrübt. Es war, als wären sie in einem Ozean des Schweigens gesunken und alle Mühe, nach oben zu gelangen, war vergebens, denn was hätte ihr Auftauchen bewirkt, außer ein paar kleine Wellen und ein bisschen Gischt am unerreichbaren Strand?
“Ist schon scheiße.”, sagte Peter leise.
“Ja, is scheiße.”, murmelte Sven.
“Scheiße!”, flüsterte Hannes.
“Nun lasst mal die Köpfe nicht so hängen. Ich spendier ne Runde Schnaps. Sven, willste nich endlich mal deinen Brief aufmachen?”
“Ja genau, nu mach endlich!”, forderten Peter und Hannes.
“Okay okay! Ich mach ja schon.”

Sven öffnete vorsichtig den Brief und begann zu lesen. Als er fertig war, blickte er verstört in die Runde.
“Nun sag halt! Was steht drin?”
Er zitierte Fragmente aus dem Brief: “Aufforderung zur Mitwirkung – Komm nächsten Montag persönlich vorbei, Zimmer 113 – Bei Nichterscheinen werde ich dich hart bestrafen – Kuss, Lydia. Darunter ein roter Lippenstiftfleck.

Peter klopfte Sven beglückwünschend auf die Schulter. Hannes sah aus, als hätte er einen Geist gesehen und wollte Sven den Brief aus der Hand reißen. Mo stellte drei Schnäpse auf den Tresen und sagte: “Also, irgendwie klingen die Briefe vom Amt bei mir immer anders.”

VI

Mo stand gedankenverloren in der Küche seiner Bar, ohne genau zu wissen, was er hier eigentlich wollte. „Scheiß Tag“, sagte er laut, um sich zu orientieren. Er öffnete den Kühlschrank und als sich die Erkenntnis noch immer nicht einstellte, fügte er lauter und aggressiver hinzu „Scheiß Nacht, Scheiß Morgen, Scheiß Mittag, Scheiß Abend!“ Aus dem Nebenraum erklang ein zu stimmendes Grunzen. Keine Resignation, keine Neuigkeit, Erkenntnis: „Wie immer.“

„Erkenntnis.“, dachte Mo, „Eier.“ dachte Mo. Die Fächer des Kühlschranks waren sauber und leer. Ein Joghurt und eine Apfelsine, ein Salatkopf, zwei Tomaten. Mo erinnerte sich an den Einkauf letzte Woche. Freudig irritiert hatte er den Einkaufswagen durch die Gänge geschoben. In der Hoffnung auf ein besseres Leben hatte er immer neue Wege entdeckt, immer neue Bereiche hatten sich in dem kleinen aber verwinkelten Supermarkt erschlossen, und am Ende hatte er lächelnd und triumphierend vor der Verkäuferin gestanden, hatte ihr tief in die blauen Augen geschaut und an eine Zukunft geglaubt. Nun lag der halbe Salat vor ihm. Die grünen Blätter hatten an einigen Stellen begonnen sich gelb zu verfärben. Der Bio-Aufkleber war von kleinen braunen Punkten umsprenkelt. „Scheiße.“ dachte Mo. Wütend holte er den Salakopf, die noch roten Tomaten und die frische Apfelsine aus dem Kühlschrank und schmiss sie fluchend in den Müll. Er öffnete den Joghurt nahm ein Bissen und dachte wieder „Scheiße, das bringt doch jetzt auch nichts mehr.“ Er warf den Joghurt an die Wand und fühlte sich erleichtert. Gerade als er den Kühlschrank wieder schließen wollte, entdeckte er in der hintersten Ecke eine kleine braune Verpackung. „Eier“, dachte Mo, „Strammer Max, na also“.

Das Ablaufdatum war nach seiner Kalkulation noch zwei Tage entfernt oder erst seit zwei Tagen überschritten. „So oder so“, dachte Mo, „Passt schon.“ und hatte die Hoffnung, dass der Tag vielleicht doch noch nicht verloren war. Als die Pfanne erhitzt war und das Öl, fettig und heiß um sich spritzte, gab er zwei Eier in die Pfanne. Er beobachtete das Eiweiß, dass am Rand erste Blasen aufwarf und sich langsam verfestigte. In der Mitte schwamm das Eigelb auf einem glasigen Film von zäher, durchscheinender Flüssigkeit. Mo schwenkte die Pfanne leicht von links nach rechts und das Eigelb folgte seiner Bewegung. „Pervers“, dachte Mo und fragte sich, ob er nicht gerade doch, in unbestimmter Weise ein Leben oder besser gesagt zwei Leben vernichtete. Also keine wirklichen Leben, aber die Möglichkeit auf Leben. „Wobei, es ohne mich, also mich als Endverbraucher, auch keine zwingende Notwendigkeit für dieses mögliche Leben, gegeben hätte.“, überlegte Mo. „Und gerade hier liegt die Schuld“, dachte Mo. „Kein Ei, also auch kein Huhn. Kein Leben, also auch kein Leiden. Oder ist es das wert, dachte er. Ein Leben im Leiden, um des Lebens Willen? Nur um gelebt zu haben und nur um sterben zu können?“ Der Gedanke verunsicherte ihn und ungeduldig schwenkte er die Pfanne in der Hoffnung, das Ei möge sich endgültig verfestigen und in der Hoffnung die Pfanne möge ihn nicht länger aus zwei missgebildeten gelben Augen anstarren. Der Geruch von Spiegelei stieg in Mo’s Nase und ein leichter Brechreiz kroch seine Kehle empor. Er musste an die letzte Woche denken, als Hannes mitten in der Nacht von seiner Freundin erzählt hatte. Mo hatte hinter der Bar gestanden und ins Bett gewollt aber Hannes wollte einfach nicht aufhören zu erzählen. Von Freunden und Affären, von der Bundeswehr und seiner Zeit als Berufssoldat am Horn vom Afrika, von seiner Mutter und seinem Stiefvater, von S&M und von Liebe und schließlich von seiner Freundin. Mo hasste Hannes nicht aber er mochte ihn auch nicht. Er mochte ihn eigentlich überhaupt nicht und wenn er länger darüber nachdachte, kam er doch zu dem Schluss, dass er ihn hasste. An diesem Abend war Mo müde gewesen und zu schwach um Hannes zu ignorieren. Anfangs hatte er nur Wörter und Wortfetzen aufgeschnappt wie beste Zeit, Sehnsucht, Bondage, Vaterland, Blasen, Gedenken und Tittenfick, doch mit der Zeit war es immer schwieriger geworden, sich auf etwas anderes als auf Hannes glückliche und dümmlich selbstbewusste Stimme zu konzentrieren. Und so hatte Mo von Hannes Freundin erfahren und nicht gewusst ob die Geschichte für ihn oder jemand anderen bestimmt war. Mo wusste nun, dass Yasmin es mochte zu Blasen. Zu Blasen und dann zu Schlucken, was, so Hannes, ganz ok und auch schön sei aber mittlerweile überhand nehme. Überall und jederzeit wolle Yasmin an Hannes Schwanz lutschen und sein Sperma aussaugen. Spermapir hatte Mo da gedacht und kurz gelacht, doch Hannes hatte sich nicht beirren lassen. Überall und immer wolle Yasmin blasen und neulich, als sie zu Hause waren, kam Hannes auf Yasmins Bauch. Als Yasmin dann aufstand, hatte Hannes gedacht, sie wolle sich die Wichse vom Bauch wischen, doch er hätte sie dann in der Küche gesehen, wie sie ein Ei in eine Schale gab, das Sperma von ihrem Bauch wischte und alles in einer Pfanne zu Rührei vermischte und schließlich aß. Hannes war erst verwirrt und dachte, dass er die einzelnen Versatzstücke dieses seltsamen Prozesses falsch auffasste oder zumindest falsch zusammensetzte, doch von dieser Nacht an wiederholte sich der gleiche Vorgang an jedem Abend und nun sei der Kühlschrank der gemeinsamen Wohnung gefüllt mit Sperma-ei und Yasmin versuche Hannes zu überreden, es doch wenigstens einmal zu probieren. Das sei schon alles etwas komisch und abartig, hatte Hannes zugegeben, doch nach zwei Wochen, habe Yasmin plötzlich ein rotes Gesicht, rote Arme und überhaupt eine rote Haut mit nässenden Ausschlag bekommen. Yasmin sei verzweifelt gewesen und schließlich zum Arzt gegangen. Dieser hätte dann festgestellt, dass Yasmin eine Eiweiß-Allergie habe. Seitdem befinde sich Yasmin in einem persönlichen Dilemma. Haut oder Sperma.

Der Kopf in Mo’s Händen hatte sich da schon schwer angefühlt und seine Augen waren geschlossen, um nicht weiter in Hannes Gesicht starren zu müssen. Er war zu müde gewesen um irgendetwas zu denken oder die aufkeimenden Bilder in seinem Kopf zu verscheuchen. Nach einer Weile hatte er die Schürze in die Ecke geworfen, hatte sich die Treppen hinauf gekämpft und schließlich schlaflos in seinem Bett gelegen. Allein mit Hannes albernen Geschichten, die noch immer von unten aus der Bar erklangen und den unsinnigen Phantasien in seinem Kopf.

Als Mo jetzt am Herd stand, die Pfanne in der Hand, erinnerte er sich an Hannes’ Geschichte und stellte sich vor, wie sich eines Tages, das Hühnerei mit dem Sperma verband, und durch Hitze und Öl als Katalysator ganz unerwartet ein unwahrscheinlicher biologischer Prozess in Gang gesetzt wurde. Er sah Hannes’ Kühlschrank vor sich, aus dem eines Nachts ein seltsames Zwitterwesen fiel. Hühnerkopf und Menschengestalt. Oder Menschenkopf und Hühnerkörper. Mo stellte sich diese Gestalt vor, wie sie mit traurigen Augen in seine Bar kam, auf seinen Tresen sprang und ihn vorwurfsvoll ansah.

Der Brechreiz in Mo’s Kehle wurde stärker und er rettete sich noch zum Waschbecken, in dass er sich übergab. Die Pfanne qualmte und das Ei war zu einem schwarzen Klumpen zusammengefallen, als Mo die Herdplatte abstellte. Er war erleichtert und füllte zum ersten mal an diesem Tag so etwas wie Glück und Erleichterung. Aus dem Barraum hörte er wie die Tür ins Schloss fiel und jemand „Hi Hannes, ist Mo da?“ sagte. Kurze Zeit später hörte er Peters Kichern und dann: „Hi Mo wir sinds, alles klar bei dir? Stinkt hier ja schlimmer als bei Sven zu Hause! Zwei Bier und Svens Brief!“

 

V

“Geh lieber nicht ins Bad.”, sagte Peter. “Ich war grad kacken.” Sven stand wie paralysiert vor der Badtür als der Hauch des Todes ihn umnebelte. Er fürchtete Peters Ausdünstungen, nicht nur wegen dessen Körperfülle, auch wegen seiner ungesunden Lebensweise, aber vor allem nachdem er die Nacht zuvor gesoffen hatte und kaum geschlafen. Dann, ja dann nahmen die Abgase diabolische Züge an und drohten jegliches Leben im Umkreis von zehn Quadratmetern unwiderruflich zu kontaminieren. Ausgerechnet jetzt und in meiner Wohnung, dachte Sven und schrie: “Mensch Peter, Scheiße hier, das stinkt ja wie n Affenarsch, widerlich, pervers, Alter ich kotz gleich.” Sven musste Luft holen, atmete aber nur einmal kurz durch den Mund ein. “Boah, wie’s mich aufregt. Nach so ner Nacht, mein Lauf war auch beschissen, will nur noch heiß duschen und dann bist du die ganze Zeit hier, splitterfasernackt und scheißt mir die Hütte voll. Fuck!”

“Weißt du, was mich aufregt?”, fragte Peter nach einer dramaturgischen Pause in ruhigem Ton. “Diese 12jährigen mit Bart. Da wirste doch bekloppt. Fahren ganz cool mit ihren Fahrrädern an dir vorbei, glotzen dich blöde an und merken im besten Fall noch selbst wie scheiße sie aussehen und drehen sich dann weg. So was ist doch nicht normal! Unnatürlich ist das! Mein Schiss hingegen ist Natur, da weiß man wenigstens, was man hat. Der kriecht dir geradewegs in die Nase und sagt dir, was Sache ist. Nicht wie dieses bärtige Mulattenpack.”

“Ach Peter, das ist doch rassistisch. Außerdem kannst du deinen Schiss nicht mit frühpubertären Jugendlichen vergleichen. Und was soll das mit natürlich und unnatürlich? Nachdem, was du gestern alles in dich reingeschüttet hast, kann man wohl kaum noch von natürlichen Ausscheidungen sprechen.”

“Schweig, du Narr! Wenn ich Mulatte sage, dann meine ich Mulatte.”
“Du meinst einfach Typen mit dunklen Haaren und zu viel Testosteron.”
“Mulatten!”
“Anderes Thema: Warum kackst du eigentlich nackt?”
“Das ist doch dasselbe Thema! Keine Ahnung… Weil ich so aufgewacht bin.”
“Schläfst du immer nackt?”
“Normalerweise nicht.”
“Und wo hast du überhaupt geschlafen?”
“Im Bad halt.”
“Willst du dir nichts anziehen?”
“Ach, Sven, das führt doch zu nichts. Ich meine unsere Konversation jetzt hier. Kneif doch mal nich die Arschbacken so zusammen. Ich werd mich schon zu benehmen wissen in deinen vier Wänden. Bin ja nicht das erste Mal hier.”
“Da bin ich ja beruhigt.”, sagte Sven ironisch und atmete versehentlich tief ein. Er brach in heftiges Husten aus, das in unappetitlichem Würgen gipfelte.
“Haha, wie bei der Musterung früher. Nur, dass du da aus Scham nicht so kräftig husten wolltest.”
“So, mir reicht’s jetzt. Geh mir aus dem Weg, ich will duschen.”
Auf einmal ging Peter vor Sven mitten in der Tür in die Brücke. Das hatte Sven noch nie zuvor gesehen. Er zweifelte in diesem Moment an allem, woran er je geglaubt hatte. Wie war dies überhaupt anatomisch möglich? Ein nach hinten gebeugter Fleischberg auf leicht zitternden Armen und Beinen, ein leblos herabhängendes Gemächt, das ebenfalls den Eindruck vermittelt, als wäre es von der spontanen Aktion des Hauptkörpers überrumpelt worden. “Über diese Brücke musst du gehen!”, ließ Peter triumphierend verlauten und fing an zu lachen.
Wie lange mochte Sven fassungs- und reglos in dieser Situation verharrt haben? Wir vermögen es nicht zu sagen. Als er in der Dusche wieder zu sich kam, streichelte er seinen Bauch, spannte sämtliche Muskeln an und posierte schließlich zufrieden vor dem Spiegel. Straffer Abend, straffer Körper, dachte er und zog eine positive Bilanz unter die gestrige Nacht, die absurden Ereignisse mit Peter und überhaupt sein ganzes Leben.

IV

Als er wieder zu sich kam, Schwindel, Sprache und Denken sich endlich aus ihrem Netz lösten und schließlich in Apathie aufgingen, merkte Sven, dass er vor seiner Haustür stand und im Kreis lief. Unsinnig darüber nachzudenken, wie lange er sich so, beobachtet von einigen missmutigen Hühnern auf der anderen Straßenseite, um seine eigene Achse bewegt hatte. War er schon laufen oder war es nur die Idee des Laufs, die die Hormone überschwänglich in seinen Körper gepumpt hatte und ihn das Bild eines perfekten Waldes phantasieren ließ. Sven blickte an sich hinab. Seine Schuhe und Kleidung waren von einer dunkelbraunen Schlammschicht überzogen. Allerdings, dachte Sven, sind das nicht meine Laufschuhe und überhaupt überlegte er, warum besteht meine Laufkleidung aus Jeans und Lederjacke. Verwirrt und lachend schloss Sven die Tür auf, riss sich seine Klamotten vom Leib und lief nackt durch die Wohnung. Schweiß rann warm und prickelnd an seinem Rücken hinab und als er sich für einen Moment auf sein Sofa setzte, freute er sich auf den nassen Abdruck den er auf dem Polster hinterlassen würde. Er saß und lauschte seinem Herzschlag. Laut und wild und schnell aber auch beruhigend, dachte er. Gut wenn man sein Herz hört. Dann weiß man das man noch lebt. Er dachte daran, dass sich manchmal, wenn er nachts aufstand und aufs Klo ging, sein Körper seltsam unwirklich anfühlte. Wie der Körper eines fremden, überlegte er, der Geist funktioniert und motorisch gibt es auch keine Probleme aber die Hände und Beine und auch der Kopf fühlen einfach nichts, sind einfach nur da und erledigen ihre Arbeit pflichtbewusst und der Verstand nimmt das alles nur wahr. Kennt gewissermaßen die Befehle aber erhält wenn man es so will keine Antwort. Ich sehe mir selber dabei zu wie ich mich bewege, wie ich von der Toilette aufstehe, wie ich abschüttele, Hose hochziehe, Hände wasche und bin erstaunt, dass ich mich bewege. Oder das sich jemand bewegt, wenn ich denke er sollte sich bewegen, auch wenn ich nicht wirklich Teil der Bewegung bin. Natürlich, überlegte Sven dann, gibt es dafür unzählige Erklärungen. Der Verstand oder Körper, oder das Nervensystem oder irgendwas, ist halt noch nicht richtig wach, also schon funktionsfähig aber nicht vollständig oder vielleicht schon aber irgendetwas ist eben noch nicht so ganz richtig verknüpft. Oder nicht mehr, je nachdem, wie lange man davor geschlafen hat. Aber meist kommt, dass immer nach dem Tiefschlaf, dieses Gefühl. Wenn man abrupt erwacht und Körper und Geist keine Vorbereitungszeit haben und dann doch so ganz plötzlich auf sich angewiesen sind. Also, versuchte Sven nun endlich etwas Klarheit zu schaffen, natürlich macht das Sinn, aber gerade dieser Sinn macht mir Angst. Wenn es Raum für Zweifel und Unklarheit gäbe, würde ich mich besser fühlen, dachte Sven, die Gewissheit vernichtet die Hoffnung und die Ungewissheit bietet eine Chance. Sven war mittlerweile aufgestanden und hatte sich in Richtung Badezimmer bewegt. In der Wohnung war es warm und er fühlte eine angenehme Erschöpfung und gelassene Euphorie. Er war nicht mehr weit von der Tür entfernt, als sich diese plötzlich öffnete und Peter nackt vor ihm stand. Sein Bauch strahlte rot und groß wie ein Planet und aus seinem Bauchnabel sprossen unbändig die Haare in alle Richtungen. Er sah aus wie ein verwahrloster Bär der langsam sein Fell verliert und von seinen Artgenossen gemieden wird. In seiner rechten Hand hielt er die leere Schokomilch. Sven war gleichermaßen erschrocken und schockiert, fühlte aber auch Mitgefühl mit sich selbst und tiefe Trauer. „Ver….“, setzte er an, brach dann aber erschöpft ab. So war es schließlich Peter, der Sven freudig begrüßte: „Ach Mensch Sven, hab mich schon gefragt, wo du eigentlich bist. Naja macht ja nichts. Bist ja auch nackt.“ Peter musterte Sven argwöhnisch „na Mensch, dass ist ja das erste mal, das wir uns so sehen. Hätte aber schon gedacht, dass du mehr hast.“ Sven der sich auf einmal sehr müde fühlte, wollte Einwände erheben: „Peter, das muss doch nicht sein. Weißt du, so Männerkörper. Das ist doch ekelig.“ Peter jedoch ließ sich nicht beirren „Ach Sven, du kleinbürgerlicher Wicht, schwul ist scheiße, Sex zur Fortpflanzung, du arbeitsloser Spießer! Du weißt doch was die Leute über uns sagen. Es gibt keinen Ruf mehr zu verlieren!“ Sven fragte sich ob Peter in seinem Kopf wohnte und jeden seiner Gedanken notierte. Oder vielleicht teilen wir uns zeitweise einen Kopf und darum fühle ich mich manchmal auch nicht wie ich selbst, sondern beobachte nur Peter wie er meine Gedanken und dann Bewegungen ausführt, ohne dass ich die Kontrolle habe. Vielleicht ist das seine Art und Weise vorzugeben, dass er nicht da ist, und dabei ist er doch immer da oder zumindest meistens und weiß alles was ich weiß und dann auch noch das was Peter weiß und ich nicht weiß. Sven wurde wieder schwindelig und nur der Anblick der Schockomilch und die aufkeimende Wut hieten ihn auf den Beinen.

III

“Ich beobachtete das Schauspiel schon seit geraumer Zeit mit regem Interesse. Von einer Kakerlake kann wohl kaum die Rede sein. Nicht zu dieser Jahreszeit, ja nicht mal auf diesem Breitengrad. Das Insekt, das auf deinem Augapfel Platz nahm und dir Kopfzerbrechen bereitete, war maximal in der Kategorie eines gewöhnlichen schwarzen Käfers anzusiedeln, vielleicht aber auch nur eine Kellerassel.” Sven wollte scherzhaft einwerfen, dass sie sich beide ja gar nicht in einem Keller aufhielten, steckte aber zurück, um den in dieser Situation und auch für Peter eher ungewöhnlichen, aber fesselnden Vortrag, weiterzuverfolgen. “Ein Vogel pickt nicht einfach so nach einem Käfer oder einer Assel. Er bevorzugt Gewürm, saftige Körner, allerlei Geschnetz und lässt sich überdies nicht auf unvorsichtige Nähe mit Menschen ein. Oder meinst du, er fühlte den Rausch in uns und sich darum sicher? Oder war er gar den Umgang mit Menschen gewohnt? Das glaube ich nicht. Nein, ich kann es nicht glauben. Sven, dieser Vorfall riecht verdächtig. Es ist besser, wenn wir jetzt nach Hause gehen und uns ausruhen, bevor noch etwas Schlimmes passiert. Komm, wir gehen!”

Sven erwachte am frühen Nachmittag mit dickem Schädel in seinem Bett. “Was war das denn bitte?”, musste er laut denken und seine Beine zuckten in Erregung. Und dieser Abschluss – Wie kann man nach einer solchen Nacht noch so geistesgegenwärtig sein, fragte er und ließ sich Peters Plädoyer nochmal durch den Kopf gehen.
Er stapfte zum Kühlschrank und erblickte freudig die Schokomilch, aber Zweifel schossen sofort durch seinen Kopf – Ach, ich wollte doch heute noch laufen gehen – und beruhigte seinen Geist mit der Aussicht, sich die Milch nach dem Lauf zu gönnen. Zum Frühstück gab es also Toast und Wasser. Letzteres hätte ich vor dem Schlafengehen trinken sollen. Er fühlte sich ausgetrocknet und sein Magen war flau. Seine innere Stimme versuchte ihm das Laufen auszureden, aber er wusste dem Schweinehund ein Schnippchen zu schlagen.

So machte er sich wenig später tatsächlich auf die Socken. Wofür eigentlich, mag der geneigte Leser an dieser Stelle denken. Nun, Sven trainierte kontinuierlich für einen einzigen Laufwettkampf im Jahr, der immer zur Herbstzeit im Nachbarort stattfand und durch die bergige Landschaft seiner Heimat führte. Ein anspruchsvoller Lauf, der ein ordentliches Maß an körperlicher Fitness voraussetzt und für Anfänger fast unmachbar erscheint, aber dennoch nicht so lang, dass er sich trainingstechnisch übernehmen musste. Man könnte sagen, dass dieser Lauf die einzige Konstante in Svens Leben war.

Keuchend ging er zu Werke, die anfängliche Steigung machte ihm mehr als üblich zu schaffen. Sein Puls stieg sogleich in bedenkliche Höhen, fing sich kurz darauf wieder, und so lief er sich ein, fand seinen üblichen Rhythmus und verlor sich alsbald in sprudelnden Gedanken, so klar und wohlgeordnet, wie er sie nur mit sich allein im Wald auszumachen vermochte:

Wir sind jetzt sieben und in wenigen Jahren neun Milliarden Menschen auf diesem Planeten. Schwul sein ist eklig. Wenn zwei Frauen sich küssen oder lecken, geht das Ordnung; Schleckliesel, hihi. Unser aller Lebensstil ist aus den Fugen geraten. Wir müssen zurückschrauben. Wie kann man seinen Schwanz nur in den Arsch… von nem Typen…? Bei ner Frau ist das okay. Wenn wir alle nach dem Prinzip ‘Lebe jeden Tag so, als wäre es dein letzter’ leben würden, können wir ja auf alles, was nach uns kommt, pfeifen. Zu einem erfüllten Leben gehört die Fortpflanzung, die Vereinigung von Mann und Frau, Familie. Zu viel Zucker macht krank. Die Pharma- und die Lebensmittelindustrie arbeiten zusammen, um uns krank zu machen. Die Medien unterstützen dies. Boah, wenn sich zwei Kerle öffentlich küssen, könnt’ ich kotzen. Aber die können ja trotzdem nett sein. Durch Analsex kann kein neues Leben entstehen. Ist er dann sinnlos oder hilfreich? Übermäßiger Zuckerkonsum kann zu Diabetes II führen und impotent machen. Fluch oder Segen? Während sich die Menschen in den Entwicklungsländern vermehren wie die Karnickel, sieht man in vielen Industrieländern rückläufige Tendenzen. Ist das Evolution oder gewollt? Die tödlichste Waffe des Menschen ist die Sprache. Sprache ist in meinem Kopf und ich kann sie nicht ausschalten. Wenn alle dieselbe Sprache sprächen, oh Gott, wie furchtbar. Oder nicht? Durch Missverständnisse in der Sprache entstehen Konflikte. Durch Ressourceninteressen weiten diese sich aus zu Kriegen. Die Medien sagen etwas anderes. Zucker bleibt billig und ist überall drin. Die Gedanken sind frei, Sexualität auch. Was auf mein Land zutrifft, trifft nicht zwingend auf ein anderes Land zu. Wir drehen uns im Kreis. Ich drehe mich im Kreis und mir ist schwindelig. Und Jesus sagt: “Eure Rede aber sei: Ja, ja — nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.”

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