I

Unfassbar nichtssagend lag der Gang im gedämpften Kunstlicht einer nicht benennbaren Tages- oder Nachtzeit. Er war nicht sehr lang und doch nicht kurz genug, um gedankenlos zur gegenüberliegenden Anmeldung zu gelangen. In der etwas stickigen Luft erklang kein Summen, dass die formlose Stille mit Bedeutung schwängerte, kein Flackern im Schein der gerade ausgetauschten LED-Lampen. Nur die Bilder, die sich beim abstrakten Begriff der LED-Lampe in seinem Geist verwirrten, verzweigten und seltsame surreale Auswüchse der Fantasie gebaren, standen als physisch greifbare Alpträume vor ihm. Lesbische, elbische Despoten. Lüsterne, eremitische Dackel. Lückenlose, eidesstattliche Demütigung. Lärmend erigiernde Dildos. Lasterhaft eloquenter Demagoge. Lamas essen Dumbo. Leiden, Einsamkeit, Dystopie. Licht emittierende Diode. Wie war es nur soweit gekommen, dass sich ein so banales und sinnloses Wort, das in keinem Zusammenhang zu seiner Realität stand, so tief und nachhaltig in seine Gedanken und Tagträume fressen konnte. Scheinbar belanglos und mit vorgetäuschter Beliebigkeit wurde der Begriff in letzter Zeit von seinen Freunden und Bekannten, von Supermarktprospekten und Reklametafeln in sein Bewusstsein gepflanzt, wo er andere Bereiche seines Gehirns infiltrierte und ein sich schnell ausbreitendes, immer komplexer werdendes Netz aus fehl- oder ferngesteuerten Synapsen bildete, das schließlich seinen Verstand nach innen kehrte, auf dass er sich wiederfand in einer Welt voll von gleichmäßig beleuchtetem, lautlosem und energieeffizientem Wahnsinn.

Sven fragte sich, welche Aussagen sich anhand von LED-Lampen über unsere Gesellschaft treffen ließen, wenn ein einzelner Mensch sich so zwanghaft wie er mit dem Wirkungsgrad von Leuchtmitteln beschäftigte, ohne auch nur ein Mindestmaß an Interesse daran zu empfinden. Er fühlte Abscheu sich selbst gegenüber, welche nur durch die plötzliche Tiefe der ihn umgebenden Stille zurückgedrängt wurde. Er lauschte. Nichts. Und kehrte seinen Verstand nach außen.
„Hallo, Hallo, Hallo. Kann ich Ihnen helfen?“ Die Frau ihm gegenüber quiekte ihn mit einer schrillen, aber zugleich atemberaubend monotonen Stimme an. Alles an ihr wirkte normal und grau, auch wenn sie eine kirschrote Brille trug, ihr Dekolleté tief ausgeschnitten war und ein buntes Tattoo sich von ihrem Brustansatz den Hals hinaufwand. Sie war hübsch. Sven hasste sie. Er fragte sich nach der genauen Definition des Wortes Soziopath und spürte, dass er etwas sagen sollte. „Hallo, entschuldigen Sie, ich war in Gedanken. Ich bin hier, weil ich mich arbeitssuchend melden wollte.“
„Haben Sie Anspruch auf Arbeitslosengeld? Standen Sie im Verlauf der letzten 24 Monate, mindestens 12 Monate in einem Beschäftigungsverhältnis?“
„Nein, nicht wirklich, ich war…“
„Möchten Sie Hartz4 beantragen?“
„Nein, ich wollte mich nur arbeitsuchend melden. Ist das möglich?“
„Es tut mir leid, dann sind Sie für diese Abteilung leider nicht relevant.“
Auf erregende Weise fühlte Sven die befriedigende Demütigung dieser Worte und konnte so den Ausbruch euphorischer Wut nicht unterdrücken. „Passen Sie auf, dass Sie das Blut nicht schmecken, dass an der verschissenen Fruchtgrütze und dem verfickten Müsli in ihrer Tasche klebt. Sie dumme Nutte.“ Sven spürte und genoss seine plötzlich erlangte Relevanz für die Abteilung. Er war erleichtert. Dieser Morgen begann schlechter als möglich und besser als gedacht.